Tapio Liller
über PR, Marketing, das Internet und wie das alles zusammenpasst. Tapio ist Inhaber der Unternehmensberatung für PR und Online-Kommunikation Oseon.
Zu Oseon »über PR, Marketing, das Internet und wie das alles zusammenpasst. Tapio ist Inhaber der Unternehmensberatung für PR und Online-Kommunikation Oseon.
Zu Oseon »Ich schreibe hier eigentlich nicht über Politik, aber was sein muss, muss sein. Denn seit Wochen habe ich ein ungutes Gefühl, wenn ich Zeitungen lese und Informationssendungen im Fernsehen schaue. Es ist ein Rumoren, irgendwo zwischen aggressiver Wut, fassungslosem Kopfschütteln, rationalen Erklärungs- und Widerlegungsversuchen im Privaten und blankem Entsetzen darüber, wieviel Blindheit und Dummheit wider besseres Wissen sich derzeit in der deutschen Politik und Geisteselite breit macht.
Das Kinderpornographie-Bekämpfungsgesetz der Ursula von der Leyen war der Startpunkt. Es hat es geschafft, an einem ekelhaften Thema aufgehängt die strukturkonservativen Kreise der Republik gegen etwas aufzuhetzen, von dem sie offensichtlich nicht den blassesten Schimmer haben: Das Internet.
Kaum waren die Überwachungs-, Filter- und Zensurregeln medienwirksam unterschrieben, meldeten sich weitere Branchen, die im Internet eine Bedrohung ihrer schrumpfenden Pfründe sehen. Musik- und Filmindustrie, Buch- und Zeitungsverlage, jeder hätte gern seinen eigenen Filter. Warum die von der Leyen’schen Regeln demokratiefeindlich sind beschreibt Jens Scholz in seinem Beitrag “Warum es um Zensur geht”. Kurz gefasst: Die technischen Maßnahmen sind unwirksam, die zugehörigen Verwaltungsregeln machen das BKA zu einer von keiner dritten Instanz kontrollierten Geheimpolizei und die Psychologie dieser Gesetzgebung macht schon die zu Verdächtigen, die sich auch nur kritisch äußern. Eine solche Grundstimmung des Misstrauens und der von der Politik als “notwendig” verkauften Kontrolle gab es in Deutschland zuletzt, als mein verstorbener Großvater ein junger Mann war. In einer solchen Zeit will ich nicht leben.
Umso kopfschüttelnder hinterlässt mich dann der Leitartikel von Sandra Kegel in der FAZ vom Samstag (25.4.09) in dem sie Googles Bücher-Scan-Projekt, Pirate Bay, die Open Access Bewegung und mehr in einen großen undifferenzierten Topf schmeisst, einmal umrührt und dann dem Leser das Wort von der “Enteignungsmaschinerie Internet” einschenkt. Als würde sie ihren Trotz und ihr Nichtverstehen der Netzkultur und der ökonomischen Mechanismen des Internet ihrer kulturpessimistischen Leserschaft noch weiter begründen müssen, zitiert sie die Großautorität des Online-Zeitalters um ihre Argumentation zu stützen: Johann Wolfgang von Goethe. Der schrieb über die Zeit als ihm “Raubdrucke” seines Götz von Berlichingen finanziell zu schaffen machten:
“So war ich, zu einer Zeit wo man mir von allen Seiten her viel Aufmerksamkeit, ja sogar vielen Beifall erwies, höchst verlegen, wie ich nur das Papier bezahlen sollte, auf welchem ich die Welt mit meinem Talent bekannt gemacht hatte.” (zitiert nach FAZ vom 25.4.09, S. 1)
Goethe klingt immer gut. Selbst wenn er heute nicht mal mehr Papier brauchen würde, um ein weit größeres Publikum zu erreichen, als er zu Lebzeiten jemals haben konnte. Mit einem Goethe-Zitat lässt sich die werte FAZ-Leserschaft ruhigstellen. Kein Wort davon, dass es damals noch kein Urheberrecht gab (den gab es in Deutschland in Vorformen erst ab 1837 und reichsweit erst ab 1871, Wikipedia), kein Hinweis darauf, dass auch die FAZ selbst im Internet tätig ist und nach Wegen sucht, den Medienwandel zu überleben. Statt dessen vermengt Frau Kegel trotzig zeternd die m.E. völlig berechtigte Diskussion um den Schutz geistigen Eigentums im digitalen Zeitalter mit den ökonomischen Mechanismen des Internets und dem daraus folgenden Veränderungsdruck auf die bisherigen Kultureliten und ihre Trägermedien.
Diese Themen, die schleichende Zensurpolitik unter dem Deckmantel des Kinderschutzes, und die Modernisierungsfeindlichkeit der deutschen Kultureliten, regen mich zur Zeit mächtig auf. Und dieser Post ist der Versuch, diesen Ärger zumindest ein kleines bisschen produktiv zu kanalisieren. Denn hier liegt doch die Kraft, ja die Macht des Internet! Ich kann mit ein paar Absätzen ein Thema aus meiner Sicht aufreißen und dann auf Menschen verlinken, die sich mit der Thematik mit mehr Abstand und analytischem Verstand auseinandersetzen oder treffendere Worte finden.
So zum Beispiel Robin Meyer-Lucht, der bei Carta in 10 Thesen darlegt, weshalb Frau Kegel und die anderen Rumpelstilzchen der Altmedien eben nur meckern, statt sich mit den Herausforderungen einer sich technisch wie ökonomisch grundlegend wandelnden Medienwelt auseinanderzusetzen.
Ich kann auch auf Ralf Bendrath verweisen, der bei Netzpolitik über den “Kampf der Kulturen” spricht, den es im Interesse einer “technisch bedingten Nachhaltigkeit unserer Demokratie” auszufechten gilt.
Und ich kann euch den (nach eigenem Bekunden) nur 18 Jahre jungen Semi ans Herz legen, der sich in seiner Kekzdose so seine Gedanken macht, welche zerstörerische Kraft mediale Vorverurteilungen haben, wie sie in den letzten Wochen und Monaten gehäuft auftraten; und wie sich die Schere im Kopf immer tiefer senkt und auch dem “normalen Durchschnittsbürger” das Sein und Sagen im Internet durch eine Kultur der Angst vergällt.
Vielleicht würde es helfen, wenn die Pessimisten, Regulatoren, Ministerinnen und Miesepeter mal beginnen würden, sich ernsthaft mit der Praxis des Internet auseinanderzusetzen und Gegenargumente zu hören. Ich kann mir nämlich nicht vorstellen, dass Frau von der Leyen ernsthaft selbst glaubt, dass ihr durchschaubar zusammengelogenes Gesetz irgendeine Veränderung bewirken wird. Obwohl, wenn es nach mir geht, wird es eine deutliche Veränderung bei ihrem Wahlergebnis im September geben – und zwar nach unten. Vielleicht mag der eine oder andere Internetnutzer dabei helfen?!
Nachtrag: Bei Telepolis stellt Bettina Winsemann einige wichtige und berechtigte Fragen rund um das Thema Kinderpornographie, Kindesmissbrauch und was die Politik außer Netzsperren sonst noch (nicht) tut – vor allem aus Sicht der Opfer, die gern vergessen wird. Abgesehen davon seziert der Artikel sehr eindrücklich den unglaublichen Unsinn, den Frau von der Leyen erzählt.
PS (am Nachmittag): Dass sich die SPD und ihre Justizministerin Zypries zu einem großkoalitionären Erfüllungsgehilfen der Zensursula macht, macht sie auch nicht gerade wählbarer. Grüne? FDP? Wo sind eure Positionen?

Am vergangenen Freitag, 27.3. wurde mir ohne mein Wissen eine spezielle Ehre zuteil: Einer meiner Tweets vom Donnerstag abend wurde von der ebenfalls twitternden handlich-praktischen WELT kompakt (@weltkompakt) auf die Titelseite der Bundesausgabe gedruckt. So sah das dann aus:

Gut, ich hätte mir gewünscht, mit einem Tweet von höherem Anspruch auf Papier “retweeted” zu werden, aber OK, der Spruch ist authentisch und kam von Herzen. Vielleicht hat ja ein Leser drüber geschmunzelt, würde mich freuen (auch ohne den Kontext, denn der “heißeste Fotograf ever” war Rankin – einige Fotos aus dem Shooting auf seiner Website).
Irgendwie irritiert hat mich dann doch der Umstand, dass ich erst heute morgen über eine Kollegin meiner Freundin drüber erfuhr. Die Frage an Twitterland, ob jemand die Ausgabe zufällig zur Hand habe beantwortete dann @weltkompakt selbst per Direktnachricht und bot an, ein PDF der Titelseite zu mailen. Guter Service und ein schönes Beispiel, wie Medien/Unternehmen/Marken ihren Lesern/Kunden/Fans durch aufmerksames Zuhören einen kleinen Gefallen erweisen können.
Auf den zweiten Blick fiel mir dann noch auf, dass der Tweet im Original irgendwie anders war. So nämlich (klick zum Original):
Es gab also einen redaktionellen Eingriff. Statt des Hashtags #gntm, das “Germany’s Next Topmodel” bei Twitter kurz kennzeichnet ein “Topmodel”. Das “Versteh wer will.” fiel gleich ganz der Schere zum Opfer. Man kann jetzt natürlich argumentieren, dass WELT kompakt Leser nicht alle bei Twitter sind und/oder mit #gntm nichts anfangen können. Absolut plausibel. Man könnte auch sagen, dass der Kerngehalt des Tweets auch ohne das “Versteh wer will” klar ist. Auch richtig. In diesem Fall auch nicht tragisch, mich stört es nicht weiter. (Der Tweet von @herrtobe ist bis auf die Weglassung zweier # unverändert.)
Trotzdem bleibt die Grundfrage, welchen Status öffentlich zugängliche Tweets eigentlich haben. Sind es kurze Leserbriefe, bei denen Abdruck und Kürzungen ja ausdrücklich vorbehalten sind? Wohl kaum, schließlich sind sie nicht an WELT kompakt gerichtet, sondern öffentlich. Sind sie Blogposts, aus denen man ja auch zitieren kann? Schon eher, aber dann gebietet es die journalistische Sorgfalt Hinzufügungen und Auslassungen zu kennzeichnen. Etwa so:
[Topmodels:] Da werden die schon von einem der heißesten Fotografen ever inszeniert und können sich nicht 15 min zusammenreissen. [...] @tapioliller
Oder sind Tweets gar eine Form des künstlerischen Ausdrucks, gar Literatur, bzw. “Twitteratur” (Link zum Blog von @bosch)? Dann könnte man als Autor auf der vollständigen und unverfälschten Wiedergabe nach vorheriger Genehmigung bestehen. Hier gibt es natürlich urheberrechtliche Rahmenbedingungen wie die so genannte “Schöpfungshöhe”, die der Law-Blogger Dr. Carsten Ulbricht in seinem lesenwerten Beitrag zu Twitter & Recht (auch die Kommentare lesen!) bei einem einzelnen Tweet anzweifelt.
Eines sind Tweets meines Erachtens aber nicht: Kostenloses Füllmaterial für Tageszeitungen, die noch Platz im Blatt haben und ihn mit mehr oder minder originellen Sprüchen aus dem hippen Twitterland bestücken.
Um Missverständnissen vorzubeugen: Ich finde die Idee, Tweets in der WELT kompakt zu “retweeten” im Prinzip in Ordnung. Nur solange ein zitierwürdiger Twitterer seine Kurznachrichten nicht klar erkennbar mit einer Lizenz, zum Beispiel Creative Commons, versehen hat, solange wäre es m.E. angebracht und guter Stil, 1. kurz zu fragen ob man den Tweet abdrucken darf und 2. ob eine etwaige Veränderung OK ist. Das hätte gleich zwei positive Effekte: Die Twitterer würden sich erstens als Urheber persönlich wahr- und ernstgenommen fühlen und zweitens auf den Abdruck im kommenden Heft freuen können – und wer weiß, manch einer würde das Blatt dann auch kaufen. Für eine Zeitung nicht das Schlechteste, oder?
Der Fairness halber habe ich beim stellvertretenden Chefredakteur der WELT kompakt, Frank Schmiechen per E-Mail nachgefragt wie es die Redaktion mit diesem Thema (Nachfragen & Redigieren) hält und diesen Post angekündigt. Deshalb bin ich auch mal so frei und gebe seine Antwort im Wortlaut wieder:
Moin Tapio,
Wir wollen das mit den Paperretweets so einfach wie möglich halten. Wir fragen die Twitterer, ob wir ihre Tweets drucken dürfen. Habe ich aber auch schon mal vergessen… Und dann redigieren wir behutsam, um es lesbarer zu machen. Der Sound sollte dabei erhalten bleiben.
Beste Grüße
Frank
Dann verbuche ich meinen Tweet mal unter “auch schon mal vergessen…” und frage euch: Bin ich hier vielleicht päpstlicher als der Papst?