Tag: Twitter


1Mrz

@Twitchhiker – Ein Social-Media-Experiment

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Die Twestival-Geher unter euch wissen es, Twitter kann sehr viele Menschen für eine gemeinsame Sache mobilisieren helfen. Ab heute, 1. März, wagt ein Twitterer aus England ein ganz besonderes Experiment zur Kraft des Social Web. Der Twitchhiker, wie sich der Journalist und Blogger Paul A. Smith aus Newcastle-upon-Tyne, für die nächsten 30 Tage nennt, hat Großes vor. Er will so weit wie nur möglich von seinem Heimatort weg reisen und dabei Geld für einen guten Zweck sammeln, und zwar ohne seine Reiseroute vorher geplant zu haben. Seine wichtigsten (und einzigen) Hilfsmittel: Ein Smartphone und Twitter.

Dabei hat er sich fünf eiserne Regeln auferlegt, nach denen er sich für die gesamte Reisedauer richten will (meine Übersetzung):”

  1. Ich akzeptiere nur Reise- und Unterbringungsangebote über Twitter, von Nutzern, die mir unter @twitchhiker folgen
  2. Ich kann nicht weiter als drei Tage im Voraus planen
  3. Geld ausgeben ist nur erlaubt für Essen, Trinken und Dinge die in meinen Koffer passen. Wenn ich keinen Schlafplatz über Twitter finde, schlafe ich unter der Brücke.
  4. Wenn ich mehr als ein Angebot habe, kann ich selbt entscheiden welches ich annehme. Wenn nur eins da ist, muss ich es binnen 48 Stunden annehmen.
  5. Ich muss nach spätestens 48 Stunden an einem Ort eine Möglichkeit zur Weiterreise gefunden haben. Andernfalls ist das Abenteuer zu Ende und ich fahre nach Hause.”

Das Projekt Twitchhiker wurde schon Anfang Februar angekündigt, hat aber außer reichlich englischer Presse (Paul schreibt auch für den Guardian) noch nicht wirklich abgehoben, was breite Medienaufmerksamkeit angeht. Dennoch hat er bereits über 5000 Follower bei Twitter und das eine oder andere Unternehmen hat die Chance auf eine dezente Sponsorgelegenheit erkannt. So zum Beispiel die Mobile-Applications-Community O2 Litmus, deren PR-Agentur in Person des Social Media-Spezis Drew Benvie, den Twitchhiker mit Nokia N95, Datentarif und Applikationen ausstattet. Der Lohn dafür, schon vor der Reise ein netter Blogpost (der übrigens Vodafone nicht gut wegkommen lässt) und eine Erwähnung bei Flickr, wo Paul seine Kofferpackfortschritte dokumentiert.
How's the packing going, you ask?

Für Paul wird in den nächsten Tagen und Wochen also alles davon abhängen, dass er hilfsbereite Twitterer findet, die ihm einen Schlafplatz, Bahntickets, Mitfahrgelegenheiten oder sogar einen Standby-Platz im Flugzeug anbieten. Denn das erklärte Ziel seiner Reise ist nicht weniger als das andere Ende der Welt, südlich von Neu Seeland. Dort ist eine winzige Insel, diese hier:


Größere Kartenansicht

Wäre doch schade, wenn das nicht klappte! Also, Paul bei @twitchhiker folgen, sein Blog lesen und die Geschichte weitererzählen (z.B. per reTweet dieses Beitrags). Und wer weiß, vielleicht ist er ja schon nächste Woche ganz in Eurer Nähe. Den Sprung von der Insel hat er schon organisiert. Montag ist er in Amsterdam, Dienstag in Paris. Was dann kommt werden wir lesen. Vielleicht findet sich ja auch noch das eine oder andere Unternehmen, das Paul unterstützen will und dafür ein wenig Goodwill der Twittersphäre bekommt (Vorsicht! Nicht übertreiben, ist schließlich kein Kommerzprojekt.)

PS: Wer zum guten Zweck der Reise beisteuern möchte, kann das über JustGiving tun. Das Geld geht an Charity: Water. Die Hilfsorganisation baut Trinkwasserbrunnen in Entwicklungsländern und wurde auch durch das Twestival am 12.2. unterstützt.

27Feb

Lasst uns Brandstifter werden! Ein Plädoyer für ein emotionales Verständnis des Social Web

Kategorie PR & Marketing | TAGS , , , , , , , , , , , , ,

Seit ein paar Monaten vergeht kein Tag, an dem meine Mit-Twitterer oder ich nicht gefragt werden, was Twitter ist. Regelmäßig verfallen wir dann in ein mehr oder weniger schlüssiges Stammeln über 140 Zeichen und Follower und Gefollowte und warum das alles spannend ist.

Die eine knackige Definition, die einem Neuling sagt, was Twitter (in der Praxis) ist und warum es diese enorme Dynamik entfaltet, scheint es nicht zu geben. Die Unterhaltung endet dann oft mit dem Satz: “Ist halt schwierig in Worte zu fassen. Am besten probierst du’s mal selbst aus.”

Das gilt genauso für andere Plattformen im “Sozialen Netz”. Man mag es als Intensivnutzer ja kaum glauben, aber es gibt da draußen immernoch eine Menge Menschen, die nicht wissen, was ein Social Network ist, was in einem Online-Forum passiert, und wie ein Wiki bedient wird.

Wir sollten über diese Leute nicht lachen, auch nicht im Verborgenen, sondern es als Aufgabe annehmen, für Klarheit und Wissen zu sorgen. Denn der Medienwandel passiert. Und wer nicht mitkommt, kommt unter die Räder. So wie die Musikindustrie- und jetzt die “Journalismusindustrie”, wie sie der Musikmanager und Online-Unternehmer Tim Renner bei CARTA nennt.

Das dort formulierte “Renner’sche Gesetz” ist sein Weckruf für jede Branche, die der Digitalisierung ins Auge sieht:

“Der Wechsel vom analogen zum digitalen Medienträger bringt immer auch einen Wechsel des Geschäftsmodells mit sich.”

Eine weitere These Renners hat dazu noch großen Bezug zur Frage was Twitter eigentlich ist und ausmacht. Er sagt (Paraphrase von CARTA):

“Die Manager der Medienindustrien erfassen den Medienwandel vor allem auch deshalb nicht emotional, weil sie nicht in der Technikwelt der Nutzer ihrer Inhalte leben. Genau um solch ein emotionales Verständnis geht es aber.”

Ich würde das sogar verallgemeinern und sagen:

Kommunikations- und Marketingmanager aller Branchen müssen ein emotionales Verständnis für die Medien- und Technikwelt ihrer Kunden entwickeln, um sie künftig überhaupt noch zu erreichen. In letzter Konsequenz gilt das auch für Geschäftsführer und Vorstände.

Oder an einem fiktiven, aber nicht ganz unrealistischen Beispiel erklärt: Würdet ihr einem Vorstand eines Konsumgüterherstellers, der sich E-Mails von der Sekretärin ausdrucken lässt und die Antwort per Diktat auf den Weg schickt, abnehmen, dass er am Puls der Zeit ist? Eben!

Alles Erklären, die Theorie des Social Web, die überall in Fachblogs sprießenden “10 Regeln zum erfolgreichen Umgang mit Twitter”, all das ist sicher in der derzeitigen Explorationsphase der zweinulligen Kommunikation normal und vielleicht auch nützlich. Doch am Ende zählt die ganz praktische Durchdringung, die persönliche und emotionale Erfahrung des Neuen. Die Theorie bleibt grau und neblig.

Beispiele? Bitteschön: Wer noch nie das kleine High erlebt hat, wenn der erste Kommentar auf einem neu aufgesetzten Blog eingeht; wer sich noch nie über einen Re-Tweet einer frischen Linkempfehlung gefreut hat; wer noch nie “live” dabei war, wie die Nachricht eines Flugzeugabsturzes, wie am Mittwoch in Amsterdam, in Sekunden um die Welt geht; wer all diese Dinge nicht aus eigener Anschauung nicht nur gesehen und gelesen, sondern auch gefühlt hat, dem fehlt eine ganz entscheidende Voraussetzung für das Verständnis des Medienwandels. Denn das “Social” im Social Web ist sehr stark emotional geprägt.

Ohne dieses Verständnis wird es aber nicht gehen. Nicht mehr lange. Also lasst uns die Schüchternen, die Ängstlichen, die Ignoranten und die Faulen vor die Bildschirme zerren und ihnen zeigen, was sie verpassen. Und wenn die Glut der Faszination zu glimmen beginnt, geben wir Reisige hinzu und kleine Scheite, bis das Feuer der Begeisterung lodert und unsere Schützlinge selbst hinausgehen und Fragen über Twitter beantworten müssen.

Nennt mich ruhig Brandstifter. Es macht einen Riesenspaß!

20Feb

Ein Journalist schlägt zurück: PR-Pitches nur über Twitter

Kategorie Fallbeispiele, Werkzeuge | TAGS , , , , , , , ,

Vor über einen halben Jahr bloggte ich über ein Szenario (damals noch auf Englisch): “Was wäre, wenn PRler komplett auf Pressemitteilungen verzichten würden?” Abwegig? Mitnichten! Schließlich gibt es genug andere Wege Informationen zu verbreiten. Und die Akzeptanz von online-freundlich aufbereiteten Inhalten wächst zusehends. Eben fand ich über meinen ehemaligen Kollegen Drew Benvie (bei Twitter) eine Story beim britischen Medienblog “Press Gazette“, die aufhorchen lässt. Dan Martin, Redakteur bei BusinessZone, beschloss gestern, der Flut an ungerichteten Pressemitteilungen etwas entgegenzusetzen. Kommenden Montag und Dienstag wird er ausschließlich Kurz-Pitches über Twitter akzeptieren.

Irrelevante Pressemitteilungen raus – Themenvorschläge per Twitter rein

Dan Martins Überlegung zum Twitpitch

Dan lobt kurzerhand einen “PR Pitch by Twitter Challenge” aus und sagt auch warum:

“The journalist/PR relationship is a strange one. I admit I’m prone to the odd rant following a call from someone pitching me a story which is completely irrelevant to the subjects I write about or far too advertorial to warrant coverage but unfortunately given my job, listening to the occassional pitch which I can do nothing with is a necessary evil.But PRs, it’s time for a change.”

Gesagt getan: Zweit Tage lang will Dan Martin nur Themenvorschläge von PR-Leuten haben, die ihm per Twitter zugestellt werden. Die Regeln sind knallhart:

“That means you have just 140 characters to grab my attention so it had better be good. I will only deal with single tweets so no pitches which expand into multiple updates will be considered.”

Klare Ansage. Nun ist das Konzept des “Twitpitch” oder noch kürzer “Twitch” nicht neu. Web-Guru Stowe Boyd – eher Opfer langweiliger Startup-Präsentationen – hat die Würze durch Kürze schon vor längerer Zeit zur Regel erhoben. Dass jetzt ein Journalist zumindest mal zwei Tage lang den Versuch wagt, spricht Bände über den Leidensdruck von Redakteuren, die hunderte unpassend adressierte oder schlicht langweilige Pressemitteilungen erhalten.

Das Beispiel zeigt, dass sich PR-Profis nicht nur theoretisch mit den neuen Techniken wie Twitter auseinandersetzen müssen, sondern dass sie über kurz oder lang ganz handfeste Konsequenzen für den Alltag als “Medienarbeiter” haben werden. Dass Twitpitching durchaus auch in Deutschland funktionieren kann, habe ich vergangenes Jahr beschrieben.

Ist Deutschland reif für den Twitter-Pitch?

Wie seht ihr das, liebe PR-Kollegen und liebe Redakteure? Ist der Kurz-Pitch per Twitter für euch eine echte Alternative? Ist es realistisch, über Twitter eine Exklusivgeschichte zu bekommen, wie Dan hofft? Welche Redaktion lobt als erste in Deutschland den Twitpitch-Tag aus?

PS: Die Aktion bringt BusinessZone immerhin neue Leser, soviel ist sicher. Deshalb war das Experiment auch – Achtung Ironie! – eine Pressemitteilung wert.

16Feb

Gedanken zum “Guten Morgen” bei Twitter

Kategorie Menschen | TAGS , , , , ,

Vergangene Woche beim Twestival wurde ich vom 3Sat-Redakteur, der einen Bericht über das Event bei uns in Frankfurt drehte, gefragt, ob bei Twitter denn nicht furchtbar viel Irrelevantes in die Welt hinausposaunt würde. Meine Antwort sinngemäß:

“Relevanz entsteht aus dem individuell zusammengestellten Netzwerk. Es gibt keinen objektiven Maßstab für Relevanz, sondern sie entsteht für jeden persönlich aus dem Tweet-Fluss, den man sich nach ganz subjektiven Kriterien zusammenstellt.”

Oder anders ausgedrückt: Mann muss Leuten ja nicht folgen, wenn man ihre Tweets für unwichtig/unsinnig/belanglos/etc. hält.

Heute morgen nun, las ich einen Tweet, der mich einen Moment aufhorchen ließ. Torsten Herrmann schrieb:Tweet von @thorstenherrmann

Bis vor einer Weile hatte ich meinen Twitter-Tag genau mit dieser Zeile begonnen (heute schreibe ich der Knappheit wegen eher “Moinallerseits!”) und viele Twitterer, denen ich folge, haben ihre eigenen Begrüßungsformeln. Ich empfinde es als ein kleines Ritual, die Morgengrüße der Gefolgten zu lesen. Da Twitter bei mir die meiste Zeit des Tages nebenher mitläuft, ist es eine Art Vergewisserung, dass für mich persönlich wichtigen Mit-Twitterer da sind und dass das lose Netzwerk für den Tag wieder steht.

Klar, man könnte die Morgentweets auch als überflüssiges Rauschen begreifen. Schließlich liegt die Würze in der Kürze und so weiter. Aber warum sollte man? Wenn wir das Netz als nicht nur als Informations-, sondern eben auch als Kommunikationsmedium begreifen, das Beziehungen knüpfen und sichern hilft, sind kleine Rituale nicht nur unvermeidbar, sondern notwendig. Das “Guten Morgen Twitterland!” oder @PickiHH‘s legendäres Good Morning Tweethearts, you Princes of Twitter, you Kings of the Web!!!” erfüllen eine soziale Funktion. Sie haben für angesichts der “weak ties” des Sozialen Netzes einen affirmativen Charakter. Der andere ist noch da, ich kann mich seiner Präsenz sicher sein, auch wenn sie rein twittervermittelt ist.

Ist das unbescheiden, wie Torsten meint? Im Gegenteil, es zeugt von Höflichkeit und Offenheit den anderen Netzteilnehmern gegenüber. “Passt (es) nicht zu professioneller Kommunikation”? Aber sicher! Schließlich begrüßen auch professionelle Kommunikatoren ihre Gesprächspartner mit einem “Guten Morgen!” Und wenn man morgens ins Büro kommt, tut man das hoffentlich auch.

Aber wie eingangs gesagt, Relevanz entsteht beim Microblogging sehr subjektiv aus einem individuell zusammengestellten Netzwerk an Menschen. Sogesehen kann ich keinem böse sein, der mich “entfolgt”, wenn er/sie ein “Moinallerseits!” als unbescheiden oder unnötig empfindet.

Was meint ihr dazu? Sind Begrüßungs- und Verabschiedungsfloskeln in Microblogs des Rauschens zuviel? Ist es wirklich zu egozentrisch, ein “Guten Morgen” an die Follower zu schicken?

(Update: In der ersten Fassung hatte ich Torsten ein “h” untergejubelt. Das ist jetzt korrigiert.)