Tapio Liller
über PR, Marketing, das Internet und wie das alles zusammenpasst. Tapio ist Inhaber der Unternehmensberatung für PR und Online-Kommunikation Oseon.
Zu Oseon »über PR, Marketing, das Internet und wie das alles zusammenpasst. Tapio ist Inhaber der Unternehmensberatung für PR und Online-Kommunikation Oseon.
Zu Oseon »Vor über einen halben Jahr bloggte ich über ein Szenario (damals noch auf Englisch): “Was wäre, wenn PRler komplett auf Pressemitteilungen verzichten würden?” Abwegig? Mitnichten! Schließlich gibt es genug andere Wege Informationen zu verbreiten. Und die Akzeptanz von online-freundlich aufbereiteten Inhalten wächst zusehends. Eben fand ich über meinen ehemaligen Kollegen Drew Benvie (bei Twitter) eine Story beim britischen Medienblog “Press Gazette“, die aufhorchen lässt. Dan Martin, Redakteur bei BusinessZone, beschloss gestern, der Flut an ungerichteten Pressemitteilungen etwas entgegenzusetzen. Kommenden Montag und Dienstag wird er ausschließlich Kurz-Pitches über Twitter akzeptieren.

Dan lobt kurzerhand einen “PR Pitch by Twitter Challenge” aus und sagt auch warum:
“The journalist/PR relationship is a strange one. I admit I’m prone to the odd rant following a call from someone pitching me a story which is completely irrelevant to the subjects I write about or far too advertorial to warrant coverage but unfortunately given my job, listening to the occassional pitch which I can do nothing with is a necessary evil.But PRs, it’s time for a change.”
Gesagt getan: Zweit Tage lang will Dan Martin nur Themenvorschläge von PR-Leuten haben, die ihm per Twitter zugestellt werden. Die Regeln sind knallhart:
“That means you have just 140 characters to grab my attention so it had better be good. I will only deal with single tweets so no pitches which expand into multiple updates will be considered.”
Klare Ansage. Nun ist das Konzept des “Twitpitch” oder noch kürzer “Twitch” nicht neu. Web-Guru Stowe Boyd – eher Opfer langweiliger Startup-Präsentationen – hat die Würze durch Kürze schon vor längerer Zeit zur Regel erhoben. Dass jetzt ein Journalist zumindest mal zwei Tage lang den Versuch wagt, spricht Bände über den Leidensdruck von Redakteuren, die hunderte unpassend adressierte oder schlicht langweilige Pressemitteilungen erhalten.
Das Beispiel zeigt, dass sich PR-Profis nicht nur theoretisch mit den neuen Techniken wie Twitter auseinandersetzen müssen, sondern dass sie über kurz oder lang ganz handfeste Konsequenzen für den Alltag als “Medienarbeiter” haben werden. Dass Twitpitching durchaus auch in Deutschland funktionieren kann, habe ich vergangenes Jahr beschrieben.
Wie seht ihr das, liebe PR-Kollegen und liebe Redakteure? Ist der Kurz-Pitch per Twitter für euch eine echte Alternative? Ist es realistisch, über Twitter eine Exklusivgeschichte zu bekommen, wie Dan hofft? Welche Redaktion lobt als erste in Deutschland den Twitpitch-Tag aus?
PS: Die Aktion bringt BusinessZone immerhin neue Leser, soviel ist sicher. Deshalb war das Experiment auch – Achtung Ironie! – eine Pressemitteilung wert.

Dass Twitter sich für PR-Zwecke eignet, beteuern inzwischen ja sogar Seminaranbieter, die unseren Zwitscherdienst den (noch) vielen Skeptikern näherbringen. Ein kleines Fallbeispiel direkt aus meinem Twitterfeed zeigt, weshalb man mit Twitter sogar pitchen kann und damit einem vor-Messe-genervten Journalisten sogar noch einen gefallen tut. Olaf war so nett, sein OK für die Veröffentlichung der folgenden Direktnachrichten zu geben. Danke dafür!
Heute nachmittag sah ich folgenden Tweet:
Da wir bei Hotwire auch für zwei der 380 Aussteller aktiv sind, versuchte ich mein Glück auf twitternde Weise:
Die Reaktion kam prompt…
…und freundlich.
Fehlte noch die Standnummer und Handynummern der Kollegen vor Ort:
Sicher ist das ein Dialog unter Web- und Twitteraffinen, er demonstriert aber das Potenzial. Twitter ist unaufdringlich. Man schaut drauf, wenn man gerade will. Im Gegensatz zum Telefon, das klingelt, wenn der Anrufer es möchte. Außerdem ist man bei Twitter ja bewusst mit dem Gegenüber vernetzt. Das ist per se schon mal ein Vertrauensbonus, der für die gezielte, an den Anlass gekoppelte Ansprache hilfreich ist.
Übrigens, US-Blogger Stowe Boyd prägte für diese Art des Pitchens den Begriff Twitpitch und setzt seit einiger Zeit exklusiv auf diesen Weg. Bei uns ist es bis dahin noch ein weiter Weg, aber bei einem Online-Menschen, der sonst in Pitch-Emails erstickt, scheint der Twitpitch eine attraktive Alternative zu sein. Den Absender zwingt es darüber hinaus dazu, sich auf das Wesentliche zu konzentrieren. Keine schlechte Sache also.
Welche Erfahrungen habt ihr mit Twitter als PR/Pitch-Werkzeug gemacht?
Jetzt ist die Debatte ums Verhältnis von Bloggern und PR-Leuten schon so alt wie so manches Barcamp T-Shirt ausgewaschen, aber da es ja immernoch nicht alle Kollegen verstanden haben (es wird Zeit Leute!), weise ich gern auf Olaf “off-the-record” Kolbrücks gesammelte Tipps hin. Die sind so kurz und knackig, die passen sogar auf Powerpoint-Folien.
Und da sich bekanntlich viele andere schon mit dem Thema beschäftigt haben, finden sich beim Frankfurter Blogger-Kollegen Burkhard Schneider einige gesammelte Links zum Thema. Lesebefehl!
PS [update]: Wie kommt das eigentlich, dass wir so versessen sind auf solche Top-Tipps-Listen. Mögen wir (möglichst einfache) Rezepte? Haben wir gern was zum dran festhalten? Scheuen wir das Risiko, etwas falsch zu machen so sehr, dass wir lieber an die Hand genommen werden? Oder sind wir einfach nur zu blöd, einfach mal selbst nachzudenken, wie wir selbst gern angesprochen würden, wären wir profilierte, vielgelesene, meinungsstarke Blogger? …und damit fasse ich mir mal nen Moment an die eigene Nase und ziehe von dannen. Bis später!