Tag: PR


23Jan

RIM und das Pfeifen im Walde

Kategorie Fallbeispiele | TAGS , , ,

Research In Motion, kurz RIM, der Hersteller des “BlackBerry” ist in Schwierigkeiten. Seit Längerem schon. Einst der Wegbereiter für mobile E-Mail und sehr erfolgreicher Hersteller des Manager-Statussymbols der Nullerjahre schlechthin, heute ein großes Technologieunternehmen, das, wie der einstige Platzhirsch Nokia auch, den Trends hinterherhechelt, die Apple und Google mit Android setzen.

Heute nun hat sich RIM entschlossen, nein, haben sich die Co-CEOs Jim Balsillie und Mike Lazaridis entschlossen, ihre großen Egos (Link zum BBC-Interview, das Lazaridis abbrach) doch endlich beiseite zu stellen und für einen neuen CEO Platz zu machen (Link zur Pressemitteilung). Man könnte meinen, das wäre eine Chance für RIM, endlich reinen Tisch zu machen, die eigenen Fehler der letzten Jahre (strategische Fehleinschätzungen, Probleme in Entwicklung und Produktion) einzugestehen und sich an die strategische Neuausrichtung der Firma zu machen.

Statt dessen beruft das Unternehmen einen Mann aus der bisherigen Führungsriege zum CEO (was erstmal nicht schlecht sein muss) und lässt ihn in einem Video Dinge sagen, die nur mit vollständigem Realitätsverlust, mit hemmungslosem Selbstbetrug zu erklären sind. Aber hört selbst (die ersten 4 Minuten reichen vollkommen).

Wer so offensichtlich die Realität verleugnet, hat das Vertrauen von Mitarbeitern, Kunden und Investoren verloren, bevor er überhaupt mit der Arbeit angefangen hat. Das hier ist keine Kampfansage – selbst wenn es im Text so vorkommt – es ist das lauteste Pfeifen im Walde, das ich je aus dem Mund eines Konzern CEOs (respektive der PR-Abteilung, die ihm das in den Mund gelegt hat) gehört habe.

Nur zum Vergleich: Nokia-Neu-CEO Stephen Elop kam von Microsoft zum einstigen Handyriesen und sagte sinngemäß: “Wir sind binnen kurzem tot, wenn wir nicht ins kalte Wasser springen und endlich schwimmen lernen.” RIM-Neu-CEO Thorsten Heins sagt sinngemäß: “Wir sind so innovativ, wir glauben es selbst nicht.”

Hätte ich RIM-Aktien, ich würde sie schleunigst verkaufen.

UPDATE 23.1.12, 16:55: Das sahen wohl eine ganze Reihe von Investoren genauso und schickten die RIM-Aktie auf Talfahrt: minus 6,7 Prozent zum Börsenstart in New York.

(Disclosure: Mein früherer Arbeitgeber war viele Jahre die PR-Agentur für RIM in Europa. Ich selbst habe jedoch nicht auf dem Account gearbeitet.)

16Nov

Diagnose: Bequemlichkeit – Warum Sascha Lobo der PR-Branche zu Recht den Spiegel vorhält

Kategorie PR & Marketing | TAGS , , , ,

PR ist ein in aller Regel vom Rest der Welt missverstandenes Gewerbe. Daran haben PRler ohne Zweifel ihren Anteil, weil sie es versäumt haben, die Mechanismen ihres Geschäfts transparent zu machen und dem Rest der Welt zu erklären.

Ein weiterer Grund für das Missverständnis, was PR ist und will und soll, liegt darin begründet, dass kaum jemand weiß, wie PR tatsächlich, also in der Praxis funktioniert. Doch das eigentliche Drama, das letztlich dazu führte, dass Sascha Lobo heute der PR-Branche in Gänze einen Realitätsverlust bescheinigt, liegt darin, dass selbst viele PR-Leute nicht (mehr) wissen, was sie da eigentlich tun.

PR ist eben nicht (nur)

  • Pressemitteilungen schreiben und an Verteiler schicken in der Hoffnung, dass etwas hängen bleibt;
  • Journalisten “abtelefonieren” und “Artikel platzieren” (wie es manche unbedarfte Auftraggeber nennen);
  • Pressekonferenzen organisieren, über deren Inhalte Journalisten dann schreiben;
  • Pressereisen zu veranstalten, bei denen Journalisten (und gelegentlich Blogger) an besondere Orte gebracht werden, in der Hoffnung über das Erlebte oder die dort vermittelten Inhalte zu berichten;
  • Events zu konzipieren und durchzuführen, die der geneigten Journaille einen Anlass zur Berichterstattung bieten;
  • Die Präsenz von Unternehmen im Social Web zu gestalten und für abertausende Fans und Follower zu sorgen;
  • etc. etc.

IMG_8479

PR ist natürlich all das, beziehungsweise kann von jedem dieser Dinge etwas enthalten, wenn es angebracht ist. Die eigentliche Leistung der PR-Beratung liegt hingegen darin, zu entscheiden, wann eines oder mehrere dieser Instrumente angebracht sind und wann nicht. Der Professionalität des PR-Handwerks wiederum ist es überlassen, diese und andere Instrumente fachgerecht und in höchster Qualität einzusetzen. Leider gibt es natürlich genug PRler, die weder das Erstere tun, noch das Letztere beherrschen. Weiterlesen »

28Sep

Ein Bild für eine Meinung

Kategorie PR & Marketing | TAGS , , ,

Kommentare deaktiviert

PR-Menschen sind Textmenschen. Wir denken gern in Geschichten, Meinungen, Argumenten und vergessen dabei gern mal, dass ein guter Teil der Menschheit leider weder schreiben noch lesen kann, und ein anderer Teil trotz Alphabetisierung eine Neuigkeit lieber in einem Bild erfasst, als einen Text zu lesen.
Healthy Red Tomatoes with Water Drops
Es ist eine Binse, dass ein Bild mehr sagt als tausend Worte und doch tun sich Unternehmen noch immer schwer damit, ihre Themen zu bebildern. Das fängt bei anständigen Fotos von Unternehmenssprechern an (ich habe schon viele Scans von Führerscheinfotos als “Sprecher-Mugshot” bekommen) und hört bei Produkt- und illustrierenden Shots für ein komplexes Thema nicht auf. Von Video will ich gar nicht erst reden. Weiterlesen »

13Mai

PR-Branche: Überleben in der Löwengrube

Kategorie Menschen, Märkte | TAGS , , , ,

Die PR-Branche ist eine Löwengrube. Aus einiger Entfernung betrachtet, sieht man stolze Löwen mit prächtiger Mähne – große, weltweit agierende Agenturen, die für die Reputation noch größerer Konzerne einstehen und Markenwerte in Milliardenhöhe beeinflussen. Die Löwen putzen sich regelmäßig heraus, geben sich mit Awards und Ethikrichtlinien einen modernen, weltoffenen und glamourösen Anstrich. Schließlich weiß man ja, wie man sich in Szene setzt. Diese Aura hat den PR-Agenturen über Jahrzehnte geholfen, als attraktive Arbeitgeber dazustehen und jede Menge kluger Menschen anzuziehen.

Geht man aber näher heran und beobachtet die Branche einige Zeit – idealerweise als teilnehmender Beobachter – wird man feststellen, dass es in der Löwengrube alles andere als gesittet zugeht. Neid und Missgunst auf den Erfolg des Konkurrenten ist an der Tagesordnung. Dispute werden mal mehr, mal weniger laut ausgetragen. Weiterlesen »

23Feb

Die Erpresser aus den Fachverlagen

Kategorie Medien | TAGS , , , , , , ,

Dass es den Fachverlagen in Deutschland dreckig geht, ist keine Neuigkeit. Im IT-Bereich, den ich seit über 10 Jahren beruflich aus nächster Nähe verfolge, sind in den letzten Jahren viele Titel eingestellt oder auf reine Online-Präsenzen mit Mikroredaktionen eingedampft worden. Im Sommer vergangenen Jahres erst verabschiedeten sich InformationWeek und Network Computing, einstmals wichtige Eckpfeiler jeder PR-Kampagne für Software- und Hardware-Hersteller, aus dem Rennen. Im Consumer-Segment sieht es bei den Auflagen nicht besser aus, wie bei Meedia neulich zusammengefasst wurde.

Als PRler beobachte ich angesichts der sinkenden Auflagen, schrumpfenden Heftumfänge und zurückgehenden Anzeigenbuchungen schon lange einen wachsenden Druck zur “Advertorialisierung”. Will heißen: Verlagsleiter – das sind die, die für den Anzeigenverkauf zuständig sind – nehmen massiv Einfluss auf die Redaktionen, möglichst nur solche Firmen mit Berichterstattung zu “belohnen”, die auch Anzeigen schalten – oder die optisch als redaktionellen Beitrag kaschierte Variante einer Anzeige, das “Advertorial”. Manche Firmen können es sich leisten Anzeigen zu schalten, viele nicht. Deshalb investieren sie vornehmlich in PR. Zur Einordnung ein Beispiel: Mit dem Geld für zwei ganzseitige Anzeigen in der Computerwoche kann man für einen kleineren Software-Anbieter eine sehr ordentliches PR-Programm bezahlen – für ein ganzes Jahr.

Die Methoden mit denen die Verlage Marketingverantwortlichen und PR-Agenturen wie meiner auf den Leib rücken, lassen sich in drei Gruppen unterteilen:

  1. Die Mitleidsnummer wird gern von einem Redakteur vorgetragen. Weiterlesen »