Tapio Liller
über PR, Marketing, das Internet und wie das alles zusammenpasst. Tapio ist Inhaber der Unternehmensberatung für PR und Online-Kommunikation Oseon.
Zu Oseon »über PR, Marketing, das Internet und wie das alles zusammenpasst. Tapio ist Inhaber der Unternehmensberatung für PR und Online-Kommunikation Oseon.
Zu Oseon »Die Sätze hat wohl jeder Kommunikations- und PR-Berater schon gehört. Man hat sich Mühe gegeben und dem Klienten ausführlich und anschaulich erklärt, warum man sich im Rahmen der Kommunikationsstrategie mit Social Media beschäftigen sollte. Man hat von Cluetrain gesprochen und über den Wandel in der Mediennutzung, man hat Beispiele gezeigt und herkömmliche Kommunikationsstrategien hinterfragt. Der Klient hat fleißig genickt und erstaunt geschaut und zwischendurch die Stirn in Falten geworfen. Dann kommt der Satz. Er beginnt fast ohne Ausnahme mit “Ja, aber…”.
Totschlagargumente fangen gern mit “Ja, aber…” an. Diese Sätze sind aber auch ein Zeichen dafür, dass die vorgangegangenen Erklärungen vielleicht doch nicht so ganz ihr Ziel erreicht haben. Es herrscht weiter Unsicherheit und Skepsis (dazu auch das Gespräch zwischen Björn Negelmann und mir). Ich versuche hier mal, kurz, knackig (und notgedrungen unvollständig) den häufigsten “Ja, abers” ein paar Argumente entgegen zu halten. Ergänzungen gern in die Kommentare! Weiterlesen »
Vor über einen halben Jahr bloggte ich über ein Szenario (damals noch auf Englisch): “Was wäre, wenn PRler komplett auf Pressemitteilungen verzichten würden?” Abwegig? Mitnichten! Schließlich gibt es genug andere Wege Informationen zu verbreiten. Und die Akzeptanz von online-freundlich aufbereiteten Inhalten wächst zusehends. Eben fand ich über meinen ehemaligen Kollegen Drew Benvie (bei Twitter) eine Story beim britischen Medienblog “Press Gazette“, die aufhorchen lässt. Dan Martin, Redakteur bei BusinessZone, beschloss gestern, der Flut an ungerichteten Pressemitteilungen etwas entgegenzusetzen. Kommenden Montag und Dienstag wird er ausschließlich Kurz-Pitches über Twitter akzeptieren.

Dan lobt kurzerhand einen “PR Pitch by Twitter Challenge” aus und sagt auch warum:
“The journalist/PR relationship is a strange one. I admit I’m prone to the odd rant following a call from someone pitching me a story which is completely irrelevant to the subjects I write about or far too advertorial to warrant coverage but unfortunately given my job, listening to the occassional pitch which I can do nothing with is a necessary evil.But PRs, it’s time for a change.”
Gesagt getan: Zweit Tage lang will Dan Martin nur Themenvorschläge von PR-Leuten haben, die ihm per Twitter zugestellt werden. Die Regeln sind knallhart:
“That means you have just 140 characters to grab my attention so it had better be good. I will only deal with single tweets so no pitches which expand into multiple updates will be considered.”
Klare Ansage. Nun ist das Konzept des “Twitpitch” oder noch kürzer “Twitch” nicht neu. Web-Guru Stowe Boyd – eher Opfer langweiliger Startup-Präsentationen – hat die Würze durch Kürze schon vor längerer Zeit zur Regel erhoben. Dass jetzt ein Journalist zumindest mal zwei Tage lang den Versuch wagt, spricht Bände über den Leidensdruck von Redakteuren, die hunderte unpassend adressierte oder schlicht langweilige Pressemitteilungen erhalten.
Das Beispiel zeigt, dass sich PR-Profis nicht nur theoretisch mit den neuen Techniken wie Twitter auseinandersetzen müssen, sondern dass sie über kurz oder lang ganz handfeste Konsequenzen für den Alltag als “Medienarbeiter” haben werden. Dass Twitpitching durchaus auch in Deutschland funktionieren kann, habe ich vergangenes Jahr beschrieben.
Wie seht ihr das, liebe PR-Kollegen und liebe Redakteure? Ist der Kurz-Pitch per Twitter für euch eine echte Alternative? Ist es realistisch, über Twitter eine Exklusivgeschichte zu bekommen, wie Dan hofft? Welche Redaktion lobt als erste in Deutschland den Twitpitch-Tag aus?
PS: Die Aktion bringt BusinessZone immerhin neue Leser, soviel ist sicher. Deshalb war das Experiment auch – Achtung Ironie! – eine Pressemitteilung wert.

Brian Solis’ “PR 2.0″ Blog ist immer einen Blick wert. Ein aktueller Post erläutert sehr eindringlich, weshalb das Web 2.0 keineswegs eine Modeerscheinung ist und warum sich PR-Manager und Krisenkommunikatoren mit den Mechanismen des “Social Web” auseinandersetzen müssen – wenn Sie nicht eher früher als später von der Dynamik online vernetzer Konversationen überrannt werden wollen.
Dem traditionellen Krisenkommunikations-Workflow aus
stellt Brian ein aktualisiertes Modell entgegen, das der Realität der Internetöffentlichkeit besser gerecht wird:
In the Social Web, I propose that many, if not a majority of potential crises are now avoidable through proactive listening, engagement, response, conversation, humbleness, and transparency (repeat).

Die entscheidende Erkenntnis hier ist, dass man im Internet sehr wohl rechtzeitig erkennen kann, ob sich unter der Oberfläche etwas zusammenbraut, das eine Krise werden könnte und dass man aktiv einschreiten kann, bevor es zu einem großen Thema wird. Wissen was über einen gesprochen wird und im Bedarfsfall mitreden, so einfach könnte es sein.
Doch es scheint, die meisten Unternehmen haben das Zuhören verlernt und trauen sich nicht, tatsächlich mitzureden. Hier ist ein Umdenken gefordert, das nur durch beharrliches Erklären der Zusammenhänge zwischen Risiken und Chancen der Online-Kommunikation (nicht nur in krisenhaften Situationen) wird eintreten können.
Hexenwerk oder “rocket science” ist auch diese Domäne der Public Relations nicht, aber auseinandersetzten muss man sich damit schon. Wenn nicht allein im stillen Kämmerlein, dann mit jemand, der das Thema aus eigener Anschauung kennt. Und damit zeige ich jetzt nicht (nur) auf mich. ;-)
(Abbildungen von Brian Solis)