Tapio Liller
über PR, Marketing, das Internet und wie das alles zusammenpasst. Tapio ist Inhaber der Unternehmensberatung für PR und Online-Kommunikation Oseon.
Zu Oseon »über PR, Marketing, das Internet und wie das alles zusammenpasst. Tapio ist Inhaber der Unternehmensberatung für PR und Online-Kommunikation Oseon.
Zu Oseon »Die Next09 vergangene Woche wirkt noch nach. Leider komme ich aufgrund anderer Verpflichtungen gerade nicht so recht dazu, die Eindrücke und Inspirationen in ein übergreifendes Resumée zu verpacken. Deshalb probiere ich’s einfach mit dem Unfertigen, der Beta – wie Jeff Jarvis sie auch in seiner Next09-Keynote (Video bei Sevenload) propagiert. Es muss ja nicht alles fertig sein, die Iteration und die Bereitschaft zu Fehlern können genauso gut zum Ziel führen.
Und damit bin ich schon beim ersten Grundgedanken, den ich aus Jarvis’ Buch und seinen Ausführungen auf der Next09 mitnehme. Der Wille zur Perfektion ist vielleicht etwas besonders deutsches, vielleicht aber auch nicht. Auf jeden Fall trifft Jarvis einen wunden Punkt der deutschen Unternehmerkultur, wenn er darauf verweist, dass die Suche nach Perfektion in einer Welt der “Beta”-Versionen das Fortkommen behindert.
Der Grundsatz “guten Unternehmertums”, gute/perfekte Qualität durch Tüfteln, Schleifen, Nachbessern und Nachjustieren hinter verschlossenen Türen zu erreichen, bevor ein Produkt dem Markt übergeben wird, wird in vielen Bereichen dazu führen, dass jemand anderes die Kundschaft schon erreicht hat. Vielleicht nicht mit dem bestmöglichen Produkt, aber doch mit einem, das gut genug ist. Die Verbesserung kommt danach.
Das Gegenargument dazu wäre, dass man den Kunden zum Versuchskaninchen macht, indem man ihm “grüne Bananen” füttert, die erst reifen, wenn sie schon längst gegessen sind. Microsoft hat so seinen zweifelhaften Ruf in Punkto Softwarequalität erworben, von dem es sich heute nur noch sehr schwer wieder lösen kann.
Doch Microsoft, wie auch andere Unternehmen – ja auch Dienstleister – wollten zu viel. Sie wollten zu viel Machbares auch machen, statt sich auf das Gewünschte zu beschränken. So kamen wir zu Office-Funktionen, die nur 1% der Poweruser überhaupt nutzt, zu Handy-Features, die so tief in Menüs vergraben sind, dass sie niemand findet, zu Autocockpits, die vor lauter kleinen Lichtern wie ein Tannenbaum leuchten, aber den Fahrer vom Verkehr ablenken.
Das Jarvis’sche “Google-Prinzip” der ewigen Beta geht einen anderen Weg: Mit wenig Funktionen starten und schauen, was die Kunden noch wollen und vor allem wie sie es in der Praxis nutzen. Das beschleunigt den Marktstart enorm und lässt noch immer Luft für Neues. Ganz entscheidend für den Erfolg dieses Vorgehens sind aber auch kommunikative Tugenden und Grundhaltungen:
Könnte man den “Mut zur Beta” auch auf Kommunikationsdienstleister übertragen? Ich denke ja. Vielleicht müssen wir das sogar. Angesichts der Tatsache, dass Kommunikationsberater und -agenturen zu gleichen Teilen Beobachter/Analysten und Teilnehmer des medialen Wandels sind, können sie auch nicht behaupten, die Weisheit von morgen schon heute mit Löffeln gefressen zu haben. Wie könnten wir dann ernsthaft Kunden eine “fertige” Lösung für die Herausforderungen dieser neuen Medien- und Mediennutzungswelt präsentieren?
Natürlich werden wir versuchen, unseren Rat so fundiert wie möglich zu geben, unsere Erfahrung einbringen und die Rahmenbedingungen analysieren. Wir werden auch weiterhin Pläne aufstellen, wie bestimmte kommunikative Ziele zu erreichen sind und welche Schritte wir auf diesem Weg nehmen möchten. Aber was tun, wenn ein Plan nicht funktioniert? Wie kommunizieren wir das unseren Kunden?
Man kann natürlich versuchen, das Erreichte in Reports und Statistiken so hinzubiegen, dass es irgendwie zu den ursprünglich formulierten Zielen passt. Wenn wir ehrlich sind: Jeder in unserer Branche hat schon mal eine Statistik so aufgehübscht, dass sie passte. Der Spielraum dafür wird jedoch dünner. Kunden erwarten immer mehr Transparenz, messbare Ergebnisse und detaillierte Rechenschaft darüber, was Dienstleister für sie tatsächlich leisten (dazu auch meine Kurzumfrage vom April). Das ist nicht zuletzt ein Resultat der totalen Messbarkeit im Internet.
Die Alternative in einer “Beta-Welt”: Transparenz der Mittel, Transparenz des Zeitaufwandes, Transparenz der Ergebnisse, und eine Kommunikationskultur, die Fehler, Fehlentwicklungen, Mängel und Verzögerungen nicht unter den Tisch kehrt, sondern offen mit dem Kunden bespricht. Die Lösung findet sich bisweilen sogar gemeinsam leichter.
Wer sich vor einer solchen Kultur der offenen Zusammenarbeit scheut, sollte sich vor Augen halten, dass Perfektion auch im Geschäftsleben ein Ideal ist. Wir streben ihr entgegen, aber erreichen werden wir sie nicht. Da ist Business ganz menschlich – und diese Menschlichkeit zuzulassen wird meines Erachtens nachhaltigere Kundenbeziehungen schaffen, die über den aktuellen Auftrag hinaus gehen. Wer möchte schon ein zweites Mal mit jemandem zusammenarbeiten, der beim ersten Mal Geld für etwas genommen hat, was er nicht geleistet hat?
Hart verkürzt lautet der Aufruf an die Kommunikationsbranche also:
“Speak Beta, not Bullshit!”

Jeff Jarvis war der Eröffnungsredner der Next09 und gab neben einem Überblick zu den Thesen seines Buchs “What Would Google Do?”(Amazon Partner Link) einen Eindruck davon, wie mitreißend und leidenschaftlich und interaktiv solche “Keynote”-Speeches trotz oder gerade wegen furchtbar liebloser Powerpoint-Slides sein können. Die ganze Rede (28 min) ist hier als Aufnahme zu hören, durch die Akustik des großen Saals nicht von ganz toller Qualität, aber dennoch gut verständlich.
Musikvideo: Adobe Flash Player (Version 9 oder höher) wird benötigt um dieses Musikvideo abzuspielen. Die aktuellste Version steht hier zum herunterladen bereit. Außerdem muss JavaScript in Ihrem Browser aktiviert sein.
Jeff Jarvis Keynote @ Next09 (Rechtsklick “speichern unter” zum Download der MP3-Datei)
Er bezieht sich auf Auszüge seiner Präsentation.
Ein sehr hörenswertes Interview zur Gegenwart und Zukunft der Medien gab Jeff auch Dirk Kirchberg von Café Digital.
Jeff Jarvis from Cafe Digital on Vimeo.
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sind nur eine grobe Aufzählung der Twitternamen der Menschen, denen ich in anderthalb Tagen Next09 begegnet bin. Und da sind noch nicht mal die mindestens drei Hände voll dabei, die ich nur im Vorbeiflug grüßen konnte aber leider keine Zeit hatte, zumindest für 5 Minuten zu sprechen.
Aber es sagt viel über den Charakter der Next als Networking-Event aus. Es war toll organisiert und in einer tollen Location, und wieder zu Hause angekommen fühle ich mich ein wenig wie ein klatschnasser Schwamm. Vollgesogen mit Eindrücken, Gesprächen, Stimmungen, Schwingungen und Inspirationen, die erstmal verarbeitet werden müssen.
Mein Next09-Fazit lasse ich deshalb noch ein paar Tage gären. Jetzt bleibt mir erst mal nur meinen vielen Gesprächspartnern zu danken für eine schöne Next09 und dem Organisationsteam rund um SinnerSchrader-Kommunikationsboss Martin Recke und Mavens-Man Mark Pohlmann samt Obergastgeber Matthias Schrader ein Kompliment auszusprechen für eine gelungene und wichtige Veranstaltung. Wir sehen uns 2010!

Hier ist das Transkript des Next09 Liveblogs. Es ersetzt den Verweis auf den Liveblog, der hier vorher stand.
Die re:publica08 war für mich so etwas wie ein Initiationsritus zur Aufnahme in die Blogosphäre. Ich kannte keinen Menschen dort, habe aber den einen oder anderen kennengelernt und ansonsten drei Tage gestaunt und die Laptop-schwangere Atmosphäre eingeatmet. Es war ansteckend. Es folgte die Next08, die Pl0gbar Rhein/Main, spontane Twitterer-Treffen in Frankfurt, schließlich das BarcampBerlin3 samt Web 2.0 Expo.
Und inzwischen kenne ich deutlich mehr Leute, habe ein besseres Gefühl dafür entwickelt, wie die deutsche und europäische Blogger-, Social Web- und Startup-Szene tickt und bin gefühlt ein gutes Stück geekiger geworden. Ich habe für meinen alten Arbeitgeber einen kleinen Beitrag über die re:publica08 geschrieben, der mit “Das Herz der Blogosphäre” oder so betitelt war. In diesem Jahr habe ich das Herz noch beim Schlagen beobachtet wie ein Chirurg. Nächstes Jahr bin ich schon Teil des Blutkreislaufs.
Also, wir sehn uns auf der re:publica09!