Tag: Jeff Jarvis


11Mai

Speak Beta, not Bullshit! (Ein Next09-Gedanke)

Kategorie Events, PR & Marketing | TAGS , , , , ,

Die Next09 vergangene Woche wirkt noch nach. Leider komme ich aufgrund anderer Verpflichtungen gerade nicht so recht dazu, die Eindrücke und Inspirationen in ein übergreifendes Resumée zu verpacken. Deshalb probiere ich’s einfach mit dem Unfertigen, der Beta – wie Jeff Jarvis sie auch in seiner Next09-Keynote (Video bei Sevenload) propagiert. Es muss ja nicht alles fertig sein, die Iteration und die Bereitschaft zu Fehlern können genauso gut zum Ziel führen.

Jeff Jarvis during his opening keynote @ Next Conference 09

Jeff Jarvis auf der Next09-Bühne (CC by-sa Tapio Liller)

Und damit bin ich schon beim ersten Grundgedanken, den ich aus Jarvis’ Buch und seinen Ausführungen auf der Next09 mitnehme. Der Wille zur Perfektion ist vielleicht etwas besonders deutsches, vielleicht aber auch nicht. Auf jeden Fall trifft Jarvis einen wunden Punkt der deutschen Unternehmerkultur, wenn er darauf verweist, dass die Suche nach Perfektion in einer Welt der “Beta”-Versionen das Fortkommen behindert.

Der Grundsatz “guten Unternehmertums”, gute/perfekte Qualität durch Tüfteln, Schleifen, Nachbessern und Nachjustieren hinter verschlossenen Türen zu erreichen, bevor ein Produkt dem Markt übergeben wird, wird in vielen Bereichen dazu führen, dass jemand anderes die Kundschaft schon erreicht hat. Vielleicht nicht mit dem bestmöglichen Produkt, aber doch mit einem, das gut genug ist. Die Verbesserung kommt danach.

Beta=”Grüne Bananen”?

Das Gegenargument dazu wäre, dass man den Kunden zum Versuchskaninchen macht, indem man ihm “grüne Bananen” füttert, die erst reifen, wenn sie schon längst gegessen sind. Microsoft hat so seinen zweifelhaften Ruf in Punkto Softwarequalität erworben, von dem es sich heute nur noch sehr schwer wieder lösen kann.

Doch Microsoft, wie auch andere Unternehmen – ja auch Dienstleister – wollten zu viel. Sie wollten zu viel Machbares auch machen, statt sich auf das Gewünschte zu beschränken. So kamen wir zu Office-Funktionen, die nur 1% der Poweruser überhaupt nutzt, zu Handy-Features, die so tief in Menüs vergraben sind, dass sie niemand findet, zu Autocockpits, die vor lauter kleinen Lichtern wie ein Tannenbaum leuchten, aber den Fahrer vom Verkehr ablenken.

Das Jarvis’sche “Google-Prinzip” der ewigen Beta geht einen anderen Weg: Mit wenig Funktionen starten und schauen, was die Kunden noch wollen und vor allem wie sie es in der Praxis nutzen. Das beschleunigt den Marktstart enorm und lässt noch immer Luft für Neues. Ganz entscheidend für den Erfolg dieses Vorgehens sind aber auch kommunikative Tugenden und Grundhaltungen:

  1. “Beta” bedeutet, zuzuhören, was die Nutzer/Kunden wünschen. Dazu muss eine Rückkopplung am besten direkt ins Produkt eingebaut sein. Bei Internetdiensten ist das recht einfach, bei Dienstleistungen – etwa bei Banken, Versicherungen, Gastronomie, Werbung, PR – müssen separate Prozesse aufgesetzt werden.
  2. “Beta” bedeutet, Fehler eingestehen zu können. Ein Unternehmen muss bereit sein, Schwächen öffentlich zuzugeben. Der aktive und konstruktive Umgang mit der eigenen Fehlbarkeit sind der Schlüssel zum Verständnis auf Seiten der Kunden. Wer trotz “Beta”-Produkt behauptet, immer alles richtig zu machen, macht sich unglaubwürdig. Jarvis nennt dieses Prinzip “Make mistakes well”.

Beta-PR, Beta-Werbung, Beta-Marketing

Könnte man den “Mut zur Beta” auch auf Kommunikationsdienstleister übertragen? Ich denke ja. Vielleicht müssen wir das sogar. Angesichts der Tatsache, dass Kommunikationsberater und -agenturen zu gleichen Teilen Beobachter/Analysten und Teilnehmer des medialen Wandels sind, können sie auch nicht behaupten, die Weisheit von morgen schon heute mit Löffeln gefressen zu haben. Wie könnten wir dann ernsthaft Kunden eine “fertige” Lösung für die Herausforderungen dieser neuen Medien- und Mediennutzungswelt präsentieren?

Natürlich werden wir versuchen, unseren Rat so fundiert wie möglich zu geben, unsere Erfahrung einbringen und die Rahmenbedingungen analysieren. Wir werden auch weiterhin Pläne aufstellen, wie bestimmte kommunikative Ziele zu erreichen sind und welche Schritte wir auf diesem Weg nehmen möchten. Aber was tun, wenn ein Plan nicht funktioniert? Wie kommunizieren wir das unseren Kunden?

Man kann natürlich versuchen, das Erreichte in Reports und Statistiken so hinzubiegen, dass es irgendwie zu den ursprünglich formulierten Zielen passt. Wenn wir ehrlich sind: Jeder in unserer Branche hat schon mal eine Statistik so aufgehübscht, dass sie passte. Der Spielraum dafür wird jedoch dünner. Kunden erwarten immer mehr Transparenz, messbare Ergebnisse und detaillierte Rechenschaft darüber, was Dienstleister für sie tatsächlich leisten (dazu auch meine Kurzumfrage vom April). Das ist nicht zuletzt ein Resultat der totalen Messbarkeit im Internet.

Die Alternative in einer “Beta-Welt”: Transparenz der Mittel, Transparenz des Zeitaufwandes, Transparenz der Ergebnisse, und eine Kommunikationskultur, die Fehler, Fehlentwicklungen, Mängel und Verzögerungen nicht unter den Tisch kehrt, sondern offen mit dem Kunden bespricht. Die Lösung findet sich bisweilen sogar gemeinsam leichter.

Wer sich vor einer solchen Kultur der offenen Zusammenarbeit scheut, sollte sich vor Augen halten, dass Perfektion auch im Geschäftsleben ein Ideal ist. Wir streben ihr entgegen, aber erreichen werden wir sie nicht. Da ist Business ganz menschlich – und diese Menschlichkeit zuzulassen wird meines Erachtens nachhaltigere Kundenbeziehungen schaffen, die über den aktuellen Auftrag hinaus gehen. Wer möchte schon ein zweites Mal mit jemandem zusammenarbeiten, der beim ersten Mal Geld für etwas genommen hat, was er nicht geleistet hat?

Hart verkürzt lautet der Aufruf an die Kommunikationsbranche also:
“Speak Beta, not Bullshit!”

7Mai

Jeff Jarvis Next09 Keynote (mp3)

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Jeff Jarvis war der Eröffnungsredner der Next09 und gab neben einem Überblick zu den Thesen seines Buchs “What Would Google Do?”(Amazon Partner Link) einen Eindruck davon, wie mitreißend und leidenschaftlich und interaktiv solche “Keynote”-Speeches trotz oder gerade wegen furchtbar liebloser Powerpoint-Slides sein können. Die ganze Rede (28 min) ist hier als Aufnahme zu hören, durch die Akustik des großen Saals nicht von ganz toller Qualität, aber dennoch gut verständlich.

Musikvideo: Adobe Flash Player (Version 9 oder höher) wird benötigt um dieses Musikvideo abzuspielen. Die aktuellste Version steht hier zum herunterladen bereit. Außerdem muss JavaScript in Ihrem Browser aktiviert sein.

Jeff Jarvis Keynote @ Next09 (Rechtsklick “speichern unter” zum Download der MP3-Datei)

Er bezieht sich auf Auszüge seiner Präsentation.

WWGD? – The PowerPoint

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Ein sehr hörenswertes Interview zur Gegenwart und Zukunft der Medien gab Jeff auch Dirk Kirchberg von Café Digital.

Jeff Jarvis from Cafe Digital on Vimeo.

28Apr

Für welches Medium würdest DU zahlen, damit es nicht stirbt?

Kategorie Medien | TAGS , , , , ,

Die einstellungsbedrohte Medienlese ist für ein halbes Jahr nochmal von der Klinge gesprungen. Genauer gesagt, die Rubrik “6 vor 9″, die genug Lesern so ans Herz gewachsen war, dass sie auf Sachars Initiative hin eine Spende für den Autor Ronnie Grob spingen ließen. Blogwerk-Boss Peter Hogenkamp steht zu seiner Zusage, die gleiche Summe draufzulegen, womit Deutschlands erste crowd-funded Blog-Teilrettungs-Aktion als geglückt verbucht werden kann.

Jan fühlt den Gründen für die schnelle Rettung (nur 3 Tage für €2000) auf den Zahn und findet im redaktionellen Sichtungs- und Auswahlprozess, den Ronnie Grob für die morgendliche Linklese leistet einen Gegenwert, der den Lesern erstens Zeit spart und zweitens kurz und bündig inspirierende Links in den Feedreader packt. Olaf Kolbrück schlägt die Brücke zu den “digitalen Kuratoren”, einem Begriff von “Micro Persuasion”-Blogger Steve Rubel:

“The call of the curator requires people who are selfless and willing to act as sherpas and guides. They’re identifiable subject matter experts who dive through mountains of digital information and distill it down to its most relevant, essential parts. Digital Curators are the future of online content.”

Sind wir also bereit für die Leistung digitaler Kuratoren zu zahlen? Warum sind wir dann immer weniger bereit, für die kuratierende Leistung von Journalisten zu zahlen? Denn wenn sie gut sind, machen sie doch genau das: Sie graben sich als (Teilgebiets-)Experten durch eine Fülle von Informationen, wählen aus, bewerten, bereiten auf und präsentieren. Oder vielleicht ist das ja die Krux des Journalismus von heute: Die Redakteure sind eben keine selbstlosen Sherpas im Dschungel der komplexen Informationen in einem Fachgebiet, dass sie aus Leidenschaft durchdringen und für uns Leser verständlich und, ja, lesbar!, aufbereiten. Redakteure, so das Klagelied, sind nurnoch Durchlauferhitzer für den Strom an kurzfristig vielleicht interessanten Informationen, die sie klickratenverstärkend umtexten, online stellen – und vergessen. Von Wissen, von Expertise keine Spur. (Randnotiz: Und dann beklagen sie sich noch, dass sie mit immer mehr PR Inhalten gefüttert werden. Das kommt ja nicht von ungefähr!)

Ich bin sehr skeptisch, dass Paid Content, selbst wenn er hervorragend von Experten kuratiert ist, sich jenseits von sehr speziellen Nischen durchsetzen wird. Da bin ich eher bei Jeff Jarvis’ Thesen in seinem sehr lesenwerten Buch “What Would Google Do?” (Amazon Partner-Link). Er sagt klipp und klar, dass der Medien(massen)markt der Zukunft werbefinanziert sein wird. Das Trägermedium ist dabei gleichgültig bis hinderlich, denn “atoms are a drag”, Atome sind eine Last. Umso wichtiger wird es aber auch für ihn, dass Journalisten einen Wertbeitrag leisten (dazu ein aktueller Post von ihm).

Aber öffnen wir doch einfach mal die Diskussion! Für welches Medium würdest DU zahlen, damit es nicht stirbt? Welchen Kurator, ob digital oder analog, würdest du so vermissen, dass er dir 5 Euro im Monat wert wäre (soviel spendete jeder Medienlese-Retter im Schnitt für jeden Monat der Fortführung)?

10Mai

Feedhygiene

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Nein, ich muss nicht alles gelesen haben. Mein Feedreader zeit grob überschlagen vielleicht 70 Feeds. Jetzt gerade 18630 ungelesene Posts. Kann ich das alles lesen? Jetzt über’s Pfingstwochenende vielleicht. Aber will ich das alles lesen? Nö. Müssen schonmal gar nicht.

Bei Robert ging’s gestern heiß her zum Thema “Schweiger”, also Leute, die Blogs zwar lesen, aber nicht kommentieren. Ich bin ja schon froh, wenn ich mit meinem für’s Blogs lesen und gelegentlich mal selbst schreiben verfügbaren Zeitbudget überhaupt dazu komme, mehr als die Überschriften zu scannen. Kommentieren ist mir da ehrlich gesagt oft zu mühsam.

Das Grundproblem der Beschäftigung mit Blogs, gerade wenn man es aus privaten und professionellem Interesse tut, ist, dass man nie das Gefühl hat vollständig informiert zu sein. Immer gibt es jemanden, den man vielleicht doch auch lesen sollte, weil er was interessantes gesagt, oder knackig kommentiert hat. Es gibt auch innerhalb der deutschen Blogosphäre so viele Quervernetzungen, die suggerieren, dass man jeden irgendwie kennen sollte – zumindest sein Blog und seinen Twitter-Feed, um überhaupt einigermaßen Bescheid zu wissen, was läuft. Das geht so nach dem Motto, “liest du Basic Thinking, musst du auch Spreeblick lesen, und liest du die, kommst du an Netzpolitik nicht vorbei und dann auch nicht an Indiskretion Ehrensache”. Und so dreht man sich im Kreis, die Alphanasen bekommentieren und verlinken sich gegenseitig an die Spitze bei Rivva. Und schon ist man im Hintertreffen.

Muss ich bei dem Spiel mitmachen? Will ich auch bei Rivva die Themen setzen oder zumindest unter den ersten 5 Reaktionen auf die Top-Themen dabei sein? Brauche ich das für meinen Traffic, für mein Ego? Nicht wirklich. Und doch zucke ich zusammen, wenn ich tagsüber im Büro meinen Blick über die Feeds schweifen lasse und ein Thema entdecke, das mir persönlich am Herzen liegt. Nur genau dann habe ich in 98% der Fälle keine Zeit, um zu kommentieren oder selbst zu schreiben. Mist. Also vertage ich das auf abends, aber da habe ich dann noch Sozialkontakte im echten Leben und der Post wird auf morgen verschoben und auf übermorgen und dann nicht geschrieben, weil andere alles schon drüber gesagt haben.

Die Themen, die allein heute durch den Äther gingen, die ich gern kommentiert hätte waren zum Beispiel das Hamburger Gerichtsurteil zur “Verbreiterhaftung” (ganz übler Unsinn), auf das mich Mike sogar per Twitter gestoßen hat, oder auch die brillianten Einsichten von Jeff Jarvis zum Journalismus im Internet-Zeitalter, die uns der Elektrische Reporter näherbringt. Habe ich aber nicht. Meine Feeds sind ja noch nichtmal gelesen.

Dass das so nicht funktionieren kann liegt auf der Hand. Deshalb ist jetzt Feedhygiene angesagt. Die Spannenden ins Töpfchen, die guten ins Kröpfchen, und die langweiligen werden gelöscht. Ein Frühjahrsputz im Reader bringt frische Luft und neue Ideen. Soweit die Theorie. Mal sehen wie die Praxis wird.

Nachtrag am 11.5.: Mir fiel heute ein, dass Mike das Thema “Warum bloggst du das nicht?” vor kurzem auch mal kommentiert hatte. Vielleicht starren wir tatsächlich zu sehr auf das, was sich binnen Stunden durch die vielgelesenen ( und -verlinkten) zum “Thema des Tages” entwickelt und dazu dann mehr oder minder reflektierten Senf abzulassen, statt uns die Zeit zu nehmen, eigene Themen und Thesen zu entwickeln. Lenkt Speedbloggen vom Nachdenken ab?