Tapio Liller
über PR, Marketing, das Internet und wie das alles zusammenpasst. Tapio ist Inhaber der Unternehmensberatung für PR und Online-Kommunikation Oseon.
Zu Oseon »über PR, Marketing, das Internet und wie das alles zusammenpasst. Tapio ist Inhaber der Unternehmensberatung für PR und Online-Kommunikation Oseon.
Zu Oseon »E-Mail ist tot. Oder ihr wird der Tod gewünscht, je nach dem. Google will mit Wave E-Mail neu erfinden (dabei ist Wave mehr als das) und Ottonormalsurfer ärgert sich über Spam und dem geschäftlichen E-Mail-Nutzer graut es spätestens nach dem Urlaub vor der überquellenden Inbox. Das Thema ist also durch. Wirklich? Als Marketing-Kanal hat E-Mail offentsichtlich noch nicht ausgedient, wenn es nach einer Studie des E-Mail-Marketinghauses e-Dialog geht.
Für die Untersuchung wurden praktischerweise nicht Marketingleute gefragt, sondern Menschen wie du und ich, ein repräsentativer Querschnitt durch Deutschland und vier weitere europäische Länder. Die Leitfrage war, über welche Direktmarketing-Kanäle die Menschen bevorzugt angesprochen werden möchten und auf welche Inhalte sie am ehesten mit einem Online- oder Offline-Kauf reagieren würden. Schließlich ist Direktmarketing ja vor allem dazu da, den Verkauf anzukurbeln.
Bei den deutschen Verbrauchern kamen dabei einige ganz spannende Zahlen heraus. So sehen 63% der Befragten E-Mail durchaus als den besten Weg, sie über Produkte und Angebot zu informieren. Nachrichten in Social Networks hingegen kommen gar nicht so gut weg: Nur 13% wollen bevorzugt dort kontaktiert werden. Post – in Form von adressierten Direct Mailings oder Postwurfsendungen – bekommen die Deutschen ebenfalls lieber. Erstaunlich hohe 45% finden Produktinformationen und Angebote auf handfestem Papier gut. Soweit die bevorzugten Empfangskanäle. Aber wie steht’s mit der Kauflust? Was animiert zum Shoppen?
Wen ärgert es nicht, wenn man sich online durch Preisvergleichsportale gewühlt und einen guten Preis und einen vertrauenswürdigen Onlineshop gefunden hat, beim Gang zur virtuellen Kasse dann aber einen satten Aufschlag für den Versand vorfindet?! Hier liegt auch der e-Dialog-Studie zufolge der beste Ansatz, Spontankäufe anzuregen. Denn 67% der Befragten finden den kostenlosen Versand ihrer Bestellung einen guten Kaufanreiz. Zeitlich begrenzte Rabatte oder Sonderverkäufe sind mit 60% ebenfalls beliebt. Kein Wunder also, dass Aktions-Shoppingseiten wie Brands4Friends oder VentePrivée so gut laufen. Wir Deutschen sind eben Schnäppchenfreunde.
Dementsprechend sollten, wenn es nach den Studienteilnehmern (64%) geht, Marketing-E-Mails auch konkrete Sparmöglichkeiten anbieten. Das ist also ein ganz konkretes Zeichen für Relevanz einer Marketingbotschaft.
A propos Relevanz! Sie ist für Marketer der wichtigste Schlüssel zu den E-Mail-Adressen ihrer Kunden und Interessenten. Denn viele Menschen geben doch eher ungern ihre E-Post-Anschrift heraus. Knapp 60 Prozent der Deutschen um genau zu sein. Der Grund: sie fürchten “irrelevante Botschaften”. Ein bisschen einfacher haben es etablierte Marken, denen – und ausschließlich denen – 34% der Befragten ihre E-Mail-Adresse geben würden. Ein gutes Drittel tut das hingegen gar nicht, weil sie nicht erkennen können, was sie davon haben.
Die Europachefin von e-Dialog, Simone Barratt, sieht deshalb einen “klaren Auftrag and Markenartikler und Dienstleister im Opt-in-Prozess zu erläutern, was der Kunde davon hat, seine Adresse herauszugeben.”
Ein solcher Benefit könnte zum Beispiel eine Erinnerungs-E-Mail sein, die auf einen bereits gefüllten aber verlassenen Warenkorb in einem Onlineshop hinweist – und den Käufer für einen kurzentschlossenen Abschluss des Kaufs mit einem Rabatt belohnt. Die Wahrscheinlichkeit, dass er das tut, ist gar nicht mal so gering. Knapp die Hälfte der Studienteilnehmer (46%) würden eine gezielte Erinnerung per E-Mail als Anlass nehmen, den Warenkorb zur Kasse zu bringen.
Interessant in diesem Zusammenhang: Besonders junge Erwachsene (18-24 Jahre) sind für Reminder empfänglich. 64% in diesem Segment würden weitershoppen. Das widerspricht ein Stück weit der landläufigen Meinung, junge Leute würden E-Mail links liegen lassen und lieber über Social Networks kommunizieren.
Zumindest was Marketing-Kommunikation angeht, stimmt das nicht. Die Studie hat herausgefunden, dass sie im Gegenteil zu 71% Marketingnachrichten lieber per E-Mail bekommen, in Form von Social Network Messages dürfen nur 28% der jungen Leute mit Werbebotschaften angesprochen werden. Meine Interpretation dieser Zahlen ist, dass die Messaging-Umgebung von Social Networks als etwas sehr privates betrachtet wird, wo Unternehmen nichts zu suchen haben. Hier gilt besonders stark das Gebot der Relevanz der Inhalte für die jeweilige Zielgruppe.
Dass die Online-Marketing-Welt nicht isoliert existiert, zeigt zu guter Letzt noch eine weitere Zahl aus der e-Dialog-Studie: 65% der Deutschen sagten nämlich, dass es wahrscheinlich sei, dass sie nach erhalt einer passenden E-Mail in einen Laden gehen würden, um das Produkt zu kaufen. Wenn das mal kein Grund ist, Rabattgutscheine und Sonderaktionen im Retail-Umfeld per E-Mail zu bewerben. Jetzt müssen die Unternehmen nur noch an die E-Mail-Adressen ran.
Für die Studie befragte Lightspeed Research Ende April im Auftrag von e-Dialog 5008 repräsentativ ausgewählte Mitglieder ihrer Forschungspanels. Die Teilnehmer kamen aus den Niederlanden, Großbritannien, Frankreich, Schweden und Deutschland.
Zur Studie haben heute bereits u.a. berichtet:
InternetWorld Business
Acquisa
ADZINE
Eine weitere Untersuchung, die auch den nordamerikanischen und asiatischen Raum abdeckt (dafür aber weniger Teilnehmer hat), stellt Nico Zorn in seinem Blog vor. Da gibt’s auch ein paar Zahlen zur E-Mail-Nutzung auf Smartphones.
Die ausführliche Pressemitteilung zur e-Dialog Studie findet sich hier bei Pressrelations, bzw. direkt zum Anschauen bei Calaméo:
Disclosure: Der guten Ordnung halber zum Schluss noch der Hinweis, dass e-Dialog ein Kunde von Oseon Conversations ist, den ich für diese Studie in Zusammenarbeit mit meinen Kollegen von Diffusion PR in London betreue.
Adressenhändler für E-Mail und Direktmarketing beackern ja ein sehr grauzoniges Geschäftsfeld. Sie sammeln Adressdaten von Millionen von Menschen und verkaufen sie weiter – fein segmentiert nach Zielgruppen. Wobei man sich gern fragen darf, woher sie so genau wissen, dass Herr Müller-Lüdenscheid aus Wanne-Eickel €3.800 brutto verdient und mit seinem alten Passat bevorzugt in die Bretagne in den Urlaub fährt.
Jetzt schickt sich der Schweizer Mailadressen-Händler Tecadress AG an, sein Geschäft wahllos auf deutschen Blogs kommentierend anzukurbeln (Eine Google-Suche zeigt, wie wahllos).
Auch bei mir versuchte ein “Markusmeiers” sein Selbstlob loszuwerden. Der Spamfilter hat’s rausgefischt. Jetzt könnte man sagen: “Egal, ist doch Spam und der Filter hat’s erwischt”. Aber das hieße auch, die Geschäftspraktiken eines Unternehmens gutzuheißen, dass stolz namhafte “Referenzen” aus der deutschen Wirtschaft auf seiner Website nennt. Da sind Audi, Grohe, Steigenberger, Nürnberg Messe, TÜV Süd, und die Hamburger PR-Agentur Faktor 3 dabei, nur um einige zu nennen.
Welches Licht wirft die Spamaktion auf die Unternehmen, die bei Tecadress E-Mail-Adressen für Marketingzwecke eingekauft haben?
Nicht dass wir uns falsch verstehen, E-Mail-Marketing hat seine Berechtigung und gut gemacht ist es für so manchen Marketing-Mix unverzichtbar. Aber schlecht gemacht ist es eben auch ganz schnell beim Spam. Und ein Unternehmen, das aktiv und klar identifizierbar so gegen jeglichen Anstand im Netz verstößt überträgt diesen Makel auch ruck zuck auf seine Kunden. Und wenn es nur durch ein gedachtes “Jaja, wer weiß, wen die mit den Adressen von Tecadress zugespamt haben…” ist.
Hätte ich Tecadress-Adressen gekauft, würde ich mein Firmenlogo von der Seite löschen lassen, mir die Nennung als Referenz verbitten und mit den Schweizer Spammern nie mehr Geschäfte machen.
PS: Einen Link zur Website bekommt Tecadress hier natürlich nicht.
