Kategorie: Medien


13Mai

Ein kleiner Lichtblick

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Beim Frankfurter MediaCoffee am gestrigen Abend (hier ein paar Versatzstücke des news aktuell-Bloggers und die Tweets vom Abend) saßen mal wieder ein paar Apologeten des so genannten “Qualitätsjournalismus” auf der Bühne und diskutierten mit Medienmahner Thomas Knüwer über die Medienkrise und wer von ihr wohl profitieren und wer durch sie wohl leiden möge. Thomas muss ich mal wieder hervorheben, weil er als einziger Diskutant die Kollegen daran erinnerte, dass Journalismus mehr ist als FAZ, SZ, FR, Stern, Zeit und Welt.

Was vor allem wieder auffiel: Die vertretene Journalistengarde beansprucht für sich zu wissen, was guter Journalismus ist und was nicht. Dass da “Amateur-Journalisten” (Christoph Amend, Die ZEIT), vulgo Blogger, nicht gut wegkamen, war abzusehen. Und dass ein Chefredakteur wie Uwe Vorkötter von der Frankfurter Rundschau Sorge hat, unter Umständen “nicht verantworten” zu können, was Leser so an Kommentaren unter die Artikel schreiben könnten, wenn sie denn dürften, zeugt nicht gerade von einer Öffnung der Altvorderen zum Leser hin. So weit, so bekannt.

Einen kleinen Lichtblick hatte ich aber am Rande der Veranstaltung. Neben mir saß ein freundlicher Herr, der mit seinem iPhone twitterte und gelegentlich einen halblauten Kommentar gen Podium schleudern wollte, sich aber dann doch zurückhielt. Wie sich im Gespräch im Anschluss herausstellte, war der Mann Christian Lindner, Chefredakteur der Rhein-Zeitung. Bei Twitter nennt er sein Blatt selbstbewusst das “Leitmedium im Norden von Rheinland-Pfalz”.

Gut online ist der Auftritt der RZ in etwa genauso altbacken und sperrig wie die Web-Präsenz der Frankfurter Rundschau. Aber immerhin, es wird mit neuen Formen des Leserdialogs (Adieu, Leserbrief!) experimentiert! Zum Beispiel mit Twitter. Jede Lokalredaktion hat ihren eigenen Account, jede einzeln mit nicht vielen Followern und technisch noch etwas unbeholfen, dafür aber mit Mut zum Scheitern. Da wird ein Twitter-Interview mit einem Lokalpolitiker gemacht (mit Pannen aber immerhin), die Volontäre zwitschern ihre Sicht der Dinge, und man glaubt es kaum, der Chef holt seit Neuestem sogar twitternde Leser in die Redaktion zur Blattkritik.

So eine Geste von Welt oder SZ und es wäre vielleicht nicht ganz so düster um die Zukunft des Journalismus in Deutschland. Gut, ein Twittererbesuch macht noch keine moderne Haltung zum Verhältnis Journalist/Leser oder gar zum Verhältnis Journalist/Blogger, aber es ist ein Anfang. Und dass so ein Anfang in der Provinz passiert, ist es allemal wert aufgeschrieben zu werden. Die Überregionalen sind schließlich noch lange nicht soweit und jagen nach wie vor Phantomen hinterher, wie Stefan Niggemeier ausführlich darlegt.

13Mai

Meckelogik

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In aller Kürze:

Lest zuerst diesen FAZ-Artikel von Miriam Meckel, ihres Zeichens Professorin für Kommunikationsmanagement an der Universität St. Gallen, über ihre Sicht auf Blogs und “Qualitätsjournalismus” (Kurzfassung für Eilige: Blogs ungleich Qualitätsjournalismus).

Danach lest diesen Blogpost von Miriam Meckel, ihres Zeichens Professorin für Kommunikationsmanagement an der Universität St. Gallen, über ihre Sicht auf Blogs und “Qualitätsjournalismus” (Kurzfassung für Eilige: Blogs ungleich Qualitätsjournalismus).

Ist euch irgendwas komisch vorgekommen? Richtig! Ein und der selbe Text in zwei unterschiedlichen Kontexten. Ist er durch den Kontext FAZ als “Qualitätsjournalismus” geadelt und durch das nachträgliche Posting in Meckels Blog jetzt weniger wert? Oder wäre der Beitrag umgekehrt nicht der Qualitätszeitung FAZ würdig wenn er zuerst in Meckels Blog erschienen wäre?

Vielleicht ist es aber auch so wie Journalist Björn Sievers sowohl twitternd, als auch bloggend anmerkt: Merke: Journalismus ist manchmal auch nicht mehr als bloggen auf Papier.

Wo wir publizieren ist egal, Hauptsache wir haben eine Meinung und können die Vielfalt der Meinungen diskutieren. Achja, zum Diskutieren muss man sich bei FAZ.net “als Nutzer registrieren, in Miriam Meckels Blog nicht. Die Folge bis zur Stunde: 16 “Lesermeinungen” bei FAZ.net, 77 Kommentare in Meckels Blog. Wie passt das in die Meckelogik?

3Mai

Die Netzignoranten – Eine Replik auf Susanne Gaschke (Update)

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Update: Der Artikel von Susanne Gaschke ist nicht mehr bei FAZ.net zu finden (auch nicht per Suche, nur im kostenpflichtigen Archiv ist er noch abrufbar). Der Volltext ist aber bis auf weiteres noch im Google Cache zu finden. Bei der Suche im FAZ-Archiv habe ich festgestellt, dass der Beitrag in Print bereits am 19. April erschienen ist. Entsprechende Korrektur unten.

Sehr geehrte Frau Gaschke,

erlauben Sie mir, auf ihren Beitrag in der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung (Update: hier war der Link zum Beitrag) vom 3. Mai 19. April 2009 zu antworten. Dazu zitiere ich aus Ihrem Artikel und kommentiere ihre Behauptungen und Unterstellungen. Bitte haben Sie Nachsicht mit mir, wenn ich zu harten Formulierungen greife, aber ich bin etwas gereizt, seit Ihre Kollegin Sandra Kegel in der vergangenen Woche mit einem FAZ-Leitartikel meine Hutschnur platzen ließ. Seien Sie versichert, der Ton dient der Sache. Also fangen wir an. Sie beginnen Ihren Text mit den Worten:

“Innerhalb von zehn Jahren haben sich anderthalb Milliarden Menschen auf der Welt von einer Großtechnologie abhängig gemacht, die das Wesen der Kommunikation verändert wie wenige Erfindungen zuvor. Einer Großtechnologie, die wir zwar alle mehr oder weniger mühelos für die unterschiedlichsten Zwecke einsetzen können – die wir aber nicht verstehen.”

Gut beobachtet! Wir verstehen das Internet genauso gut oder schlecht wie in den Jahrhunderten zuvor den Buchdruck, die Dampfmaschine, das elektrische Licht, den Otto-Motor, die Telegraphie, das Telefon, den Fernseher, und so weiter und so fort. Mussten wir all diese Dinge verstehen, gar erklären können wie sie funktionieren, um sie nutzen zu können? Ich lobe den Erfindergeist, der uns diese Dinge brachte!

“Ein großer Teil unseres Alltags, unserer Kommunikation mit anderen Menschen und der Art und Weise, wie wir uns informieren, liegt damit in der Hand von Experten, deren Überlegungen wir kaum nachvollziehen können.”

Wenn man ehrlich ist, kommt es ja noch schlimmer! Ein großer Teil unserer Gesundheit, unseres Wohlergehens liegt in der Hand von Experten, die Brot ohne wurmdurchsetztes Mehl backen, Milch keimfrei pasteurisieren, Steaks trichinenfrei und grillfertig vorbereiten, Kopfschmerztabletten in der richtigen Dosis anmischen, die Bremsen der Bahn bremsfähig halten und dafür sorgen, dass Fußgängerampeln auf Rot schalten, wenn Gefahr droht. Ich lobe die Experten, die mit ihrem Wissen unser Leben (meistens) sicher machen.

“Seine Anhänger sehen das Netz als gesellschaftsverändernde Kraft. In der vollendeten Netzgesellschaft, von der sie träumen, sind alle gleich, gut, hilfsbereit und zugewandt. Von einer „himmlischen Stadt“ schwärmt ein Netzprophet, und zahllosen Aufsätzen und Interviews merkt man die Ungeduld und die Vorfreude auf die neuen himmlischen Zustände an.”

Warum die Einschränkung auf die “Anhänger”, Frau Gaschke, warum die Limitierung auf die Utopien? Denken Sie nur mal daran, was Deutschland heute wäre ohne die Utopie der Einheit in Freiheit! Man braucht das Netz nicht als gesellschaftsverändernde Kraft zu “sehen”. Es IST bereits seit Langem eine solche Kraft. Wir kommunizieren, arbeiten, bewegen, lesen, sehen, hören anders als in Vor-Netz-Zeiten. Wir kaufen anders ein, wir wählen käufliche und immaterielle Dinge anders aus, wir kennen andere Menschen, als dies vor 15 Jahren möglich gewesen wäre. Ich frage Sie: Ist die Gesellschaft dadurch schlechter geworden? (Anmerkung am Rande: ein Link auf den “Netzpropheten” hätte nicht geschadet.)

“Typisch für den Diskurs über das Internet ist, dass seine Protagonisten ohne jeden Zweifel von ihrer Sache überzeugt sind. Skeptiker hingegen sichern sich nach allen Seiten ab und verweisen mit großem Aufwand darauf, was an der neuen Technik selbstverständlich ganz ausgezeichnet ist, bevor sie zaghafte Kritik anbringen. Das liegt daran, dass die digitale Entwicklung als Inbegriff des wünschenswerten Fortschritts wahrgenommen wird.”

Liebe Frau Gaschke, auf welcher Seite möchten Sie denn nun stehen? Bei den Skeptikern (von denen es wahrlich differenziertere im Netz gibt) oder vielleicht doch lieber bei den Gegnern? Wäre doch noch viel einfacher, als ohne jegliche Quelle, ohne Zitat, ohne Beleg eine Behauptung aufzustellen wie die vom “Inbegriff der wünschenswerten Fortschritts”. Sind Sie schonmal auf die Idee gekommen, dass die Verbreitung des Internets tatsächlich der wichtigste singuläre Fortschritt für die größte Zahl an Menschen seit Entdeckung des Penicillins sein könnte? Im Übrigen, auch wenn ich Sie kritisiere, bin ich im Umkehrschluss noch lange kein “Ideologe, der ‘Kühle’ gegenüber seinem Glauben für unzulässig hält”, wie sie im folgenden Abschnitt schreiben.

Darin führen Sie auch Don Tapscott und Anthony D. Williams mit ihrem Buch “Wikinomics” an und meinen:

“Diese beiden Digitalisten trauen dem Netz wirklich alles zu, unter anderem den weltweit solidarisch organisierten Kampf gegen die Klimakatastrophe. Wenn das Netz aber das Klima retten kann, darf man nicht dagegen sein.”

Warum der zynische Unterton? Hätten Sie sich mal mit den Möglichkeiten des Internet als Mobilisierungsplattform für sozialen, ökologischen und politischen Wandel – und den bereits reichlich vorhandenen Beispielen für ihre Wirksamkeit – auseinandergesetzt, wer weiß, vielleicht empfänden Sie so etwas wie beeindrucktes Staunen oder gar Hochachtung vor den Menschen, die mit Projekten wie dem “Twestival” binnen weniger Wochen mit den Mitteln des Netzes zehntausende Menschen weltweit für einen gemeinsamen Zweck vereinen können.

“Ein Kennzeichen der Netzbewegung ist ihr hermetisches Vokabular: Wer weiß, was Wikis und Blogs sind, Cookies, Tools, Open Source Software und soziale Netzwerke, der kann seine Zugehörigkeit zur Fortschrittspartei nachweisen. Natürlich muss man alle diese neuen Funktionen irgendwie nennen, aber die Begeisterung, mit der dieser Jargon benutzt wird, als ob jeder ihn verstehen müsste, dient vor allem der Abgrenzung zu Uneingeweihten.”

Oh, Frau Gaschke, es tut mir schrecklich leid, dass wir Sie so ausgrenzen. Eine neue Technologie und Kulturtechnik bringt einen eigenen Jargon mit sich, den nicht jeder versteht (übrigens, rechts neben Ihrem Artikel, der online (!) erschienen ist, steht unter ‘Top-Services’ “RSS-Feed”). Das hätten wir fast übersehen! Lassen Sie uns doch gleich mal mit Ärzten, Ingenieuren, Brauern, Verwaltungsangestellten, Polizisten, Soldaten und vor allem mit Politikern sprechen und sie darauf hinweisen, dass sie uns Uneingeweihte ausgrenzen. Wo kämen wir denn hin, wenn wir all diese Fachleute nicht verstünden, die ihr Vokabular mit solcher Begeisterung verwenden?!

Aber vielleicht liegt es ja tatsächlich am Alter. Sie machen sich ja auch so ihre Gedanken, dass “ein Generationenbruch herbeigeredet” wird.

“Aber wem die Jugend gehört, dem gehört die Zukunft: Das wussten schon andere Großideologien sehr genau. Und im modernen Kapitalismus, mit seinem Jugendkult in Konsum- und Arbeitswelt, gibt es kaum einen tödlicheren Vorwurf als den, jemand sei zu alt, um eine Entwicklung zu verstehen. Wobei in diesem Fall jede Form von Skepsis schon bedeutet, „zu alt“ zu sein.”

Jetzt machen Sie es sich doch nicht so schwer, Frau Gaschke! Sie dürfen ja skeptisch sein, aber “zu alt” sind Sie nur, weil Sie trotz ihres frischen Alters und trotz ihrer politischen Orientierung, versuchen, eine inzwischen in der Mitte der Gesellschaft verankerte Kulturtechnik mit Vergleichen zu alten Begriffen wie Marxismus, Kapitalismus und Neoliberalismus zu erklären. Ganz abgesehen davon ist man auch im Alter immer nur so alt, wie alt man sein will. Wie erklären Sie es sich sonst, dass mein Vater im Rentenalter noch beginnt zu bloggen und zu twittern? Oh, Pardon, Jargonbegriffe.

Dass ein Kategoriendenken nicht funktionieren kann, schreiben Sie doch im nächsten Abschnitt gleich selbst:

“es [ist] bei den Propheten der Netzwelt fast unmöglich, sie als Gruppe zu beschreiben. Alle Arten von Fortschrittsfreunden sind dabei: der Online-Wahlkämpfer Barack Obama und die gute alte SPD; Angela Merkel mit ihren podcasts und die PR-Leute von Microsoft; Kultusbürokraten und Bundestagabgeordnete, Vertreter von Stiftungen, Professoren, Journalisten, Analysten, Unternehmer [...]“

Unglaublich, nicht wahr? So ist es tatsächlich! Die “Netzwelt” wird von allen genutzt, weil sie allen nutzt. Selbst Ihnen, Frau Gaschke, als Fortschrittsskeptikerin. Ihr Artikel hätte mich nämlich nicht erreicht, wenn er nicht online erschienen wäre, denn die FAS habe ich schon sehr lange nicht mehr auf Papier gedruckt gekauft. Und es wäre doch sehr schade, wenn sie mich als Leser hätten vermissen müssen oder nicht?

Ich gebe zu, die nach Ihren Worten “besten Voraussetzungen” für die Nutzung des Internet, nämlich “Lesekompetenz, Urteils- und Konzentrationsvermögen” habe ich noch ohne Internet in der Schule und zu Hause beim Klavierunterricht gelernt. Aber ich kann nicht behaupten, dass diese Fähigkeiten durch die Intensive Nutzung des Internet gelitten hätten (außer dem Klavierspiel vielleicht).

“Es gibt Ausnahmen, aber der Großteil der Netzdebatte wird von Männern bestimmt, und das korrespondiert mit der im Augenblick noch deutlich stärkeren Computernutzung durch Jungen und Männer. Es ist gut möglich, dass ein gewisser Fanatismus, eine Kompromisslosigkeit im Diskurs durch diese Geschlechterpolarisierung verursacht wird: Auch in der Studentenbewegung, auch bei den Siebziger-Jahre-Dogmatikern waren Männer die Wortführer und Chefideologen. Frauen scheinen, wenn sie nicht gerade einem Guru des einen oder anderen Anliegens verfallen sind, zu etwas moderateren Ansichten zu neigen.”

Bei diesem Abschnitt, liebe Frau Gaschke, kann ich beim besten Willen nicht erkennen, was er mit dem Thema ihres Artikels zu tun haben soll. Er wirkt eher, als seien sie stellvertretend für ihre Mutter nachtragend, weil sie mit ihnen als jungem Mädchen im Schlepptau nicht bei den “Siebziger-Jahre-Dogmatikern” mitmachen durfte. Die “Netzapologeten”, wie sie Menschen wie mich gern nennen, rufen Ihnen bei diesen Sätzen deshalb zu: “FAIL!” Auf Deutsch: Thema verfehlt.

“Die Netzkultur begünstigt ein Klima der Jederzeitigkeit. Alles und jeder muss 24 Stunden am Tag verfügbar sein, wir ertragen draußen im Leben keine Pause bei den Ladenöffnungszeiten und drinnen im Netz keine Nachtruhe. Auf die Dualität von E-Mail-Kommunikation hat das durchaus Auswirkungen zu haben: Die erregtesten, radikalsten Leserbriefe, die pampigsten Zuschriften an Abgeordnete sind jeweils spät nachts abgeschickt.”

Unterstellungen, Frau Gaschke, Unterstellungen! Wer ist “jeder”? Wer ist “wir”? Ich “muss” gar nichts, ich bin ein freier Mensch und habe die Wahl getroffen, diese Replik in der Nacht zu schreiben. ‘Kein Wunder’, mögen Sie jetzt sagen, aber so einfach ist das Leben auch im Netz nicht. Ich habe gerade jetzt nachts die Ruhe, meine Gedanken zu formulieren, und ich habe die Freiheit, mich unverfügbar zu machen für andere, um Ihnen zu antworten. Ein “einsamer Schreiber”, für den “eben doch keine echten Menschen da sind”, bin ich deshalb noch lange nicht. Übrigens, Sie dürfen mir natürlich auch antworten, sie müssen aber nicht.

Achja, um Sie mal beim Wort zu nehmen: Als “intelligenter Erwachsener” weiß ich selbst, wie viel Zeit ich habe:

“Auch gegen den technikfreundlichen Mainstream kann man echte zwischenmenschliche Erlebnisse, echtes politisches Engagement, Bücher und wirkliches Lernen ins Zentrum des eigenen Lebens stellen.”

Sie werden es kaum glauben, aber es geht tatsächlich auch ganz praktisch beides! Ich bin technikfreundlich UND habe echte zwischenmenschliche Erlebniss (viele davon sogar!). Und ich lese Bücher und lerne “wirklich” etwas – und das nicht nur aus Büchern, sondern AUCH im Netz und von den Menschen, mit denen ich über das Netz kommuniziere. Sie sollten es wirklich mal ausprobieren, Frau Gaschke!

Bin ich also “ideologischen Heilsversprechen” aufgesessen? Wohl kaum. Ist meine “Sicht durch Weihrauch vernebelt”? Auch das nicht. Denn eines sehe ich klar und deutlich, dass Sie, liebe Frau Gaschke, etwas mehr Zeit im Netz und vor allem mehr Gespräche mit den “Netzmenschen” brauchen. Vielleicht kehrt dann ihre Fähigkeit zur genauen Beobachtung, zur Analyse und zur Differenzierung zurück. Zudem würden Sie von hilfsbereiten Menschen ganz nebenbei Jargonbegriffe lernen, mit denen Sie sich dann in ihren Kreisen gepflegt abgrenzen können. Aber was sag ich, Sie möchten ja dazugehören. Also seien Sie doch keine Netzignorantin!

Mit freundlichen Grüßen,

Ihr Tapio Liller

28Apr

Für welches Medium würdest DU zahlen, damit es nicht stirbt?

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Die einstellungsbedrohte Medienlese ist für ein halbes Jahr nochmal von der Klinge gesprungen. Genauer gesagt, die Rubrik “6 vor 9″, die genug Lesern so ans Herz gewachsen war, dass sie auf Sachars Initiative hin eine Spende für den Autor Ronnie Grob spingen ließen. Blogwerk-Boss Peter Hogenkamp steht zu seiner Zusage, die gleiche Summe draufzulegen, womit Deutschlands erste crowd-funded Blog-Teilrettungs-Aktion als geglückt verbucht werden kann.

Jan fühlt den Gründen für die schnelle Rettung (nur 3 Tage für €2000) auf den Zahn und findet im redaktionellen Sichtungs- und Auswahlprozess, den Ronnie Grob für die morgendliche Linklese leistet einen Gegenwert, der den Lesern erstens Zeit spart und zweitens kurz und bündig inspirierende Links in den Feedreader packt. Olaf Kolbrück schlägt die Brücke zu den “digitalen Kuratoren”, einem Begriff von “Micro Persuasion”-Blogger Steve Rubel:

“The call of the curator requires people who are selfless and willing to act as sherpas and guides. They’re identifiable subject matter experts who dive through mountains of digital information and distill it down to its most relevant, essential parts. Digital Curators are the future of online content.”

Sind wir also bereit für die Leistung digitaler Kuratoren zu zahlen? Warum sind wir dann immer weniger bereit, für die kuratierende Leistung von Journalisten zu zahlen? Denn wenn sie gut sind, machen sie doch genau das: Sie graben sich als (Teilgebiets-)Experten durch eine Fülle von Informationen, wählen aus, bewerten, bereiten auf und präsentieren. Oder vielleicht ist das ja die Krux des Journalismus von heute: Die Redakteure sind eben keine selbstlosen Sherpas im Dschungel der komplexen Informationen in einem Fachgebiet, dass sie aus Leidenschaft durchdringen und für uns Leser verständlich und, ja, lesbar!, aufbereiten. Redakteure, so das Klagelied, sind nurnoch Durchlauferhitzer für den Strom an kurzfristig vielleicht interessanten Informationen, die sie klickratenverstärkend umtexten, online stellen – und vergessen. Von Wissen, von Expertise keine Spur. (Randnotiz: Und dann beklagen sie sich noch, dass sie mit immer mehr PR Inhalten gefüttert werden. Das kommt ja nicht von ungefähr!)

Ich bin sehr skeptisch, dass Paid Content, selbst wenn er hervorragend von Experten kuratiert ist, sich jenseits von sehr speziellen Nischen durchsetzen wird. Da bin ich eher bei Jeff Jarvis’ Thesen in seinem sehr lesenwerten Buch “What Would Google Do?” (Amazon Partner-Link). Er sagt klipp und klar, dass der Medien(massen)markt der Zukunft werbefinanziert sein wird. Das Trägermedium ist dabei gleichgültig bis hinderlich, denn “atoms are a drag”, Atome sind eine Last. Umso wichtiger wird es aber auch für ihn, dass Journalisten einen Wertbeitrag leisten (dazu ein aktueller Post von ihm).

Aber öffnen wir doch einfach mal die Diskussion! Für welches Medium würdest DU zahlen, damit es nicht stirbt? Welchen Kurator, ob digital oder analog, würdest du so vermissen, dass er dir 5 Euro im Monat wert wäre (soviel spendete jeder Medienlese-Retter im Schnitt für jeden Monat der Fortführung)?

17Apr

Wir brauchen ein deutsches Kutcher/CNN-Duell mit Oprah-Show!

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Natürlich ist das Follower-Duell zwischen CNN und Ashton Kutcher vollkommen belanglos, wenn nicht kindisch und albern, weil es nichts, aber auch gar nichts über die Qualität beider Twitterer aussagt. (Von Oprah Winfrey, die heute abend Kutcher und die Twitter-Chefs zu Gast haben wird, mal ganz zu schweigen.)

Aber trotzdem wage ich die These, dass wir genau so ein Duell auch in Deutschland brauchen. Wir brauchen eine Schlacht der Giganten, ein Stand-off der Twitter-Legenden, ein “High Noon” der Promi-Zwitscherer! Warum? Weil es dann endlich Normalität wäre, weil man dann aufhören könnte Twitter zu erklären.

Twitpic von boroughbaby

Twitpic von boroughbaby

Anthony Ha schreibt bei Venture Beat, dass er einen Rückgang der “Wow! Twitter!”-Geschichten nach dem Auftritt von Kutcher bei Oprah heute abend erwartet. Einfach, weil es mainstreamiger nicht mehr geht: “Dude, Twitter was on Oprah. ‘Nuff said.”

Genau das wäre auch für die deutsche Öffentlichkeit toll. Denn wenn man ehrlich ist, so als gefühlter Seit-Ewigkeiten-Twitter-Nutzer, sind wir es nicht langsam leid, immernoch fast jedem Zweiten Twitter erklären zu müssen? Man suche einfach mal nach “erkläre Twitter” bei Twitter-Search. Da vergeht kaum eine wache Stunde, in der nicht ein Twitterer jemand anderem beibringt, was es mit den 140 Zeichen und Followern und so weiter auf sich hat.

Was wäre das eine Erholung und Entspannung, wenn man hierzulande auch einfach sagen könnte: “Wie? Du kennst Twitter nicht? Das war doch sogar schon bei….”! – Ja, und da wird’s halt schwierig mit dieser kleinen Utopie. Welche TV-Sendung in Deutschland wäre massenerreichend genug, um populär und anschaulich einer ausreichend großen Menge Zuschauer näherzubringen, worum es hier geht?

“Wetten, dass…?” vielleicht? Nein, zu wenig Zeit pro Gast und ein Gastgeber ohne jegliche Affinität zum Thema. Bei Harald Schmidt? Zu elitär und zu spät am abend. Bei Kerner? Zu anbiedernd. Bei Beckmann? Zu betroffenheitsfixiert. Hm, wird schon eng…

Und welcher Prominente könnte vielleicht dem “Westen” oder “Welt kompakt” den Kampf ansagen (Zielmarke, seien wir bescheiden, 10.000 Follower)? Sascha Lobo? Nicht prominent genug. Michael Kessler? Dito. Markus Kavka? Äh, wer? Hier wird’s also noch enger.

Aber gut, vielleicht sind wir trotz gigantischer Zugriffswachstumszahlen auch hierzulande (dazu Meedia) einfach noch nicht soweit. Dennoch würde etwas Entspannung, mehr Gelassenheit in Sachen Twitter in der Tat gut tun, da bin ich ganz bei Sachar, der im “Jetzt ist Twitter tot”-Geschrei – wie dem von US-Tech-Blogger Lance Ulanoff – zurecht eine gewisse Arroganz des “Establishments” durchscheinen sieht.

Schließlich ist das Tolle an Twitter, dass es nicht DAS eine Twitter gibt, sondern genauso viele Twitters wie es Twitterer. Jeder baut sich sein eigenes, keine Timeline ist exakt gleich. 100%ige Individualisierung – ein Traum. Auch ohne Kutchers kesse Kurzbefindlichkeiten, CNNs “brechende Nachrichten” und Oprahs ahnungslose Einlassungen.

Soweit mein Wort zum Samstag. Weitermachen, äh, -twittern!