Von Samuel Beckett lernen – Warum ich “The Third Club” mitgegründet habe

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Ich habe es mir angewöhnt, regelmäßig innezuhalten, ein paar Schritte zurückzugehen und abseits des Tagesgeschäfts darüber nachzudenken, warum ich was und für wen tue. Als Unternehmer, Agenturgründer, Berater und seit Kurzem auch als Familienvater.

Der Blick auf’s Ganze aus der Vogelperspektive hat mir im Sommer 2008 die Perspektive Selbstständigkeit eröffnet. Mitten in der ersten Finanzkrise, kurz vor dem Lehman-Crash. Ich wollte aus dem Gewohnten raus, weil ich das Gefühl hatte, lange genug für andere gearbeitet zu haben. Und der Plan, irgendwann etwas wirklich Eigenes auf die Beine zu stellen, war damals schon 10 Jahre alt – er hatte sich schon im Studium in meinem Hinterkopf festgesetzt.

Irgendwann war dann der Zeitpunkt da, an dem ich mir sagte: “Ca suffit!” Es reicht. Genug Fremdbestimmung, genug Rezeptdenken, genug mit dem Kampf gegen den Trägheitsvirus des “historisch Gewachsenen”. Nach eigenen Regeln spielen, auf die Nase fallen, Schrammen abholen, aufstehen, weitermachen.

Schon seit vielen Jahren ist mein Lieblingsmotto der Satz von Samuel Beckett:

“Ever tried? Ever failed? – Fail again. Fail better!”

Nach diesem Motto habe ich vor fast auf den Tag genau 3 Jahren Oseon Conversations gegründet und bin das Wagnis eingegangen, zu scheitern. Es ist bis heute gutgegangen.

Und ich habe in diesen drei Jahren nach meinen eigenen Regeln gespielt. Ich habe Pitches abgesagt, weil ich nicht ohne Honorar arbeite und auf manche Themen auch keine Lust hatte. Ich habe ein eigenes Preismodell für meine Agentur entwickelt, das einfacher und transparenter ist, als die aufsteigende Senioritätsskala “normaler” PR-Agenturen. Ich habe potenziellen Neukunden meine ehrliche Meinung gesagt, auch wenn sie sie nicht hören wollten. Und darüber sicher den einen oder anderen Etat nicht bekommen.

Aber das ist alles gut so. Weil es meine Entscheidung ist. Als Unternehmer, als Berater, als Mensch Ende dreißig, der noch viel vor hat.

In den vergangenen zwei Wochen wurde häufig Steve Jobs zitiert mit dem Satz, man solle seinem Herzen folgen und nicht nach den Denkschemata anderer leben und arbeiten. Dafür sei das Leben zu kurz. Und ich dachte: “Genau das mache ich seit 3 Jahren. Und genau das will ich weiterhin tun.”

Kampf der Bequemlichkeit – Mut zum Risiko

Diese Haltung provoziert Widerstände. Im persönlichen Umfeld (selten), bei Geschäftspartnern (häufig). Als ich vergangene Woche ein Seminar zum Thema “Social Business” gab, diskutierten wir über die Gründe für das Scheitern von “social”-Projekten in Unternehmen. Beharrungsvermögen, Gewohnheit, Trägheit sind die augenfälligsten Gründe. Man macht, was man kennt, weil es früher funktioniert hat und es den eigenen Job sichert. Risiko ist nicht drin.

Das führt über kurz oder lang dazu, dass niemand mehr Risiken eingeht, niemand gegen den Strich bürstet, Gewohntes hinterfragt und unbequeme Fragen stellt. Ein Zustand, der sich in Deutschland in Politik und Wirtschaft, ja in breiten Teilen der Bevölkerung über die vergangenen 20 Jahre breitgemacht hat.

Wenn die Helmut-Kohl-Jahre bedeuteten, dass Deutschland effizient aber satt und langweilig geworden war, bedeuten die Merkel-Jahre, dass Deutschland verlernt hat, etwas zu wagen. Die Politik redet uns ein, bestimmte Entscheidungen seien “alternativlos”. Dabei zeugt diese Einstellung nur von Phantasielosigkeit.

Das zieht sich bis in die Unternehmen und in mein Fach – die Kommunikation. Die von Controllern und anderen Zahlenfetischisten beherrschte deutsche Wirtschaft unternimmt nichts, von dem nicht schon vorab klar ist, dass es Geld abwirft. Kreatives und unternehmerisches Risiko – sind schon lange nicht mehr en vogue (waren sie es jemals?).

Wer sich selbstständig macht wie ich, wer etwas Neues wagt und ausprobiert, ist noch immer ein Sonderling. Und das obwohl regelmäßig Umfragen veröffentlicht werden, nach denen ein großer Teil der Leute in ihrem Job unzufrieden sind, sich ausgebeutet fühlen oder keinen Sinn in ihrem Tun sehen. In einem Klima des Auf-Nummer-sicher-gehens, der Phantasielosigkeit fällt es vielen schwer, sich aus den Fesseln des Berufsalltags zu befreien. Sei es im aktuellen Job, hinterfragend, vorschlagend, explorierend, oder im Schritt zum Eigenen.

In anderen Ländern ist die Kultur anders. In den USA gehört Scheitern dazu. Wie viel war doch in den Nachrufen auf Steve Jobs zu lesen über sein Scheitern, sein Wiederaufstehen, sein kreatives Hinterfragen des Status Quo, die allesamt zu seinem Erfolg beigetragen haben? Warum nicht in Deutschland?

Sebastian Matthes von der Wiwo schrieb dieser Tage einen klugen Rant auf den deutschen “Hate-Cycle”, der technologische Innovationen in der Breite nicht nur verzögert, sondern gern auch ganz verhindert. Zu Lasten der Wettbewerbsfähigkeit des ganzen Landes. Dieser Artikel beschreibt ein Phänomen, das eine Gegenbewegung geradezu herausfordert.

The Third Club – Einladung zur Revolution

Heute startet “The Third Club” – ein Zusammenschluss von zwölf Frauen und Männern, die in ihrem Fach der Kommunikation und des kreativen Unternehmertums nicht weniger als eine Revolution fordern. Ich bin als Gründungsmitglied dabei.

The Third Club hat sich zum Ziel gesetzt, in möglichst vielen Menschen in der deutschen Wirtschaft wieder die Leidenschaft für Kreativität, Innovation und Wertschöpfung zu entfachen. Wir möchten Denkanstöße liefern, Debatten lostreten, leidenschaftlich diskutieren und konstruktiv streiten. Wir wollen Unternehmerpersönlichkeiten an einen Tisch bringen, die Klartext reden – über Marketing, PR, Kommunikation und über das Verhältnis von Unternehmen, Beratern, Agenturen und Medien.

Das wollen wir nicht allein tun und unter uns, sondern gemeinsam mit jedem und jeder, der den Status Quo in Deutschland nicht länger hinnehmen will, der sich von der Vision des Clubs angesprochen fühlt und die Mission des Clubs mitgestalten will.

Unser Blick auf die Situation, unsere Vision und die Mission des Clubs sind nachzulesen unter www.thethirdclub.de. Wer sich einbringen möchte in Clubabende, Diskussionen, Blogdebatten, und vieles mehr, sollte sich bei Ralf Schwartz oder Thomas Koch melden (Kontakte auf der Website). Die beiden haben The Third Club initiiert und koordinieren alles, was neben den heute veröffentlichten gewählten Worten noch alles passieren soll.

Ich selbst werde die Gelegenheiten nutzen, die The Third Club schaffen wird, um mein Innehalten und Nachdenken über das Morgen noch etwas regelmäßiger zu praktizieren. Und nach meiner Erfahrung bringt der Austausch mit klugen Köpfen, anderen Sichtweisen und Meinungen meist etwas Neues hervor. Wir, die Gründungsmitglieder von The Third Club, freuen uns, wenn Du deinen Blick auf die Zukunft von Unternehmertum, Marketing und Kommunikation zur Revolution beiträgst.

“Freethinkers are those who are willing to use their minds without prejudice and without fearing to understand things that clash with their own customs, privileges, or beliefs. This state of mind is not common, but it is essential for right thinking.”

- Leo Tolstoy