Facebook reloaded – Endlich ein Grund zur Panik!?

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Ja, das Innovationstempo der Netzkonzerne kann einem schon mal unheimlich sein. Da versucht Google über Jahre mit der (finanziellen und personellen) Brechstange (Buzz, Wave, Google+) das Thema “Social” zu knacken und Facebook beschließt kurzerhand, sich einfach mal neu zu erfinden. Zumindest wenn man den allfälligen “Warum Facebook das Internet wie wir es kennen revolutionieren wird”-Artikeln glaubt.

Dem beiläufigen Beobachter und vielleicht Nutzer all dieser Plattformen fällt wohl allenfalls auf, dass die Benutzeroberfläche des Dienstes plötzlich anders aussieht. Hier tauchen neue Listen auf, dort werden in der Timeline die Artikel neu sortiert und priorisiert. Ein wenig Aufregung und Umgewöhnung später, geht Otto-Normal-Facebooker wieder seiner Wege und nutzt was da ist.

Es sind aber die Intensivnutzer, die gern aus beruflichen Gründen hinter die neu gestrichene Fassade schauen und anfangen zu analysieren. Da kommt dann schnell etwas metaphorisch-panikhaftes heraus, wie bei Olaf Kolbrück, der in Mark Zuckerberg einen digitalen Sonnengott Louis Quatorze’scher Dimension sieht, der sich alles, aber auch alles aus dem Leben der Leibeigenen Facebooknutzer unter den Nagel reißen will. So nachvollziehbar Olafs Skepsis und sein offen eingestanden emotional begründeter Vertrauensverlust in das soziale Netzwerk ist, so wenig kann ich seine plötzliche Panik verstehen. Es ist ja nicht so, dass Facebook vor der Ankündigung der Neuerungen ein digitaler Weisenknabe gewesen wäre.

Ich hätte von Olaf als beruflichem Beobachter der Netzwelt eher eine Analyse erwartet, wie sie Thilo Specht dieser Tage schrieb. Er blickt, inspiriert durch Robert Basic, hinter die Pixelfassade und erklärt das Potenzial, das die Einführung von “Verben” als Datenfeld in Facebook für das Geschäft von Facebook bewirken. Denn:

“Je mehr semantische Daten Facebook sammelt, um so wertvoller wird das Unternehmen. Denn je mehr Variablen sich miteinander verküpfen lassen, um so relevanter wird Facebook für Marktforschung und Business Intelligence.”

Machen wir uns doch nichts vor: Facebook genauso wie Google sind im Datengeschäft tätig. Beide haben sehr unterschiedliche Herangehensweisen, wie sie an die Daten herankommen. Google sammelt, scannt, digitalisiert, aggregiert und analysiert alles, was die Welt in ihrer Gänze hergibt. Facebook macht es sich bequemer und lässt die Menschen ihre Verhaltensweisen, Interaktionen, Aufenthaltsorte, Vorlieben, Abneigungen und Beziehungen untereinander selbst am Bildschirm abliefern. Wir müssen eben abwägen, ob für uns persönlich noch die Kosten/Nutzen-Rechnung stimmt.

Big Data für’s Big Business

Wofür Facebooks Datenerfassungsmethode gut sein kann, zeigt Thilo in seinem Post: Zielgenaue Werbung ist da nur die bekannte Oberfläche; richtig werthaltig wird es, wenn aggregierte und georeferenzierte Daten für Geschäftszwecke von Immobilienmaklern, Versicherungen, Einzelhandelskonzernen, Telekommunikationsanbietern und so weiter ausgewertet und für Geschäftsentscheidungen genutzt werden können. “Big Data Business Intelligence” sozusagen.

Aber soll uns all das per se dubios vorkommen? Natürlich, sagen die einen und verweisen zurecht darauf, dass Facebook nicht sonderlich zimperlich ist, wenn es um das Abgreifen neuer Datenverknüpfungen geht. Die kommen gern in zunächst einmal praktischen Funktionen wie “sag uns, wer deine früheren Kollegen waren, damit wir die in eine Liste packen können” daher, bringen Facebook aber eine Fülle neuer Variablen und Korrelationsmöglichkeiten. Die Taktik kann man perfide nennen, man kann sie aber auch clever finden.

Natürlich nicht, könnte man aber genauso sagen. Schließlich gehen wir als aufgeklärte Nutzer (hoffentlich) mit einem wachen Geist und einem gesunden Maß an Risikobewusstsein an solche neuen Dienste heran. Es ist ja schließlich niemand gezwungen Facebook oder Google zu benutzen. Es gibt Alternativen und es soll auch Leute geben, die ganz ohne soziale Netzwerke auskommen und trotzdem die Vorteile des Internets für sich ausschöpfen.

Zwischen Otto Normalsurfer und Privacy-Panik

Sicher, es wird eine Menge Menschen geben, die Facebooks “Timeline” und was da sonst noch kommen mag nicht hinterfragen. Die werden es einfach nutzen und den Wert des Datenbergs mehren. Aber solange ein Herr Zuckerberg sich nicht tatsächlich zum absolutistischen Sonnenkönig aufschwingt und ein “L’Internet, c’est moi!” ausruft, samt damit verbundener Gängelung und womöglich Unterdrückung von Meinungen und persönlichen Freiheiten, neige ich dazu, das ganze mit einer Portion Gelassenheit zu beobachten und mir eben zu überlegen, was ich auf den Plattformen von mir preisgebe und was nicht.

Es ist gut, dass die (Netz-)Öffentlichkeit über die Implikationen von Innovationen für Privatsphäre und Datenschutz spricht. Es ist sogar notwendig, das in die Breite zu tragen und möglichst viele Menschen aufzuklären und zu einem selbstverantwortlichen Umgang mit dem Internet zu ermutigen. Aber ein Satz neuer Funktionen in Facebook oder wasweißichwo ist kein Grund zur Panik.