It’s about Leidenschaft, stupid! – Eine NEXT11 Nachlese

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Am zweiten Tag der Next11 stellte sich Jan Lehnardt, ein junger Mann mit sehr nerdigem Fusselbart, auf die große Bühne der Station Berlin, stellte die Themen des Konferenztracks vor, für den er Pate stand, und sagte (sinngemäß) folgende bemerkenswerten Sätze:

“You should really come see the technology sessions. We’ll be talking about what’s next and not just showing nice slides of what already happened. That’s what you’re here for in the first place, isn’t it?”

Next11 - Berlin

Foto: Luca Sartoni lizenziert unter CC by-sa

Und weil er das so leidenschaftlich in kaum enden wollendem Redefluss sagte, gab es spontan Szenenapplaus vom tausendköpfigen Konferenzpublikum. Und genau darum sollte es ja bei einer Konferenz namens Next auch gehen. Um die Zukunft, um Visionen, um Nochniegesehenes. Das hat die diesjährige Next aus meiner Sicht geschafft.

Sicher, es gab auch die langweilig vorgelesenen Sponsorentalks und den einen oder anderen mit der englischen Sprache überforderten Moderator oder Sprecher. Aber es war ja niemand gezwungen sitzen zu bleiben. Die Station – ein ziemlich riesiges Hallenareal am Gleisdreieck – erlaubte eine Next der offenen Türen, fast wie bei Barcamps. Entsprechend habe ich dröge Talks schnell verlassen, wenn ich per Twitter las, dass es anderswo spannender ist. Insgesamt habe ich mich im Rückblick aber doch recht konsequent an meine Programmplanung gehalten.

Es war eine gute Entscheidung, hauptsächlich Vorträgen von Referenten aus dem angelsächsischen Raum zu lauschen. Wenn ich’s mir recht überlege, kein einziger deutscher Referent – mit Ausnahme von Oliver Reichenstein (@iA), der in Tokio lebt und arbeitet – ist mir im Gedächtnis geblieben.

Das liegt vor allem an der Art und Weise, wie Engländer und Amerikaner, aber auch Schweden, Finnen und Holländer, ihre Vorträge anpacken. Sie haben eine Botschaft und wollen, dass sie verstanden wird. Sie haben eine Idee und wollen sie weitertragen. Sie haben eine Leidenschaft und wollen dieselbe Leidenschaft in anderen entfachen. Sie wissen, dass sie 15 Minuten haben, in denen sie ihr Publikum nicht langweilen wollen (HT an @luebue). All das spürt man in ihren Vorträgen, sieht man auf ihren Präsentationsfolien und hört es in ihren Stimmen. Wenn es nicht so tragisch wäre, die Next12 könnte komplett auf deutsche Referenten verzichten und wäre trotzdem eine tolle Konferenz.

Und weil sich die Qualität einer Konferenz sich darin beweist, was einem im Kopf bleibt, hier ein unsortierter Abriss dessen, was bei mir hängen geblieben ist, immerhin vier Tage danach.

  • Wer glaubt, die digitale Geschäftswelt hätte schon genug Daten gesammelt irrt gewaltig. “BIG IS BEAUTIFUL” proklamierte sinngemäß Amazon CTO Werner Vogels und sagte “Big Data” erst noch den Durchbruch voraus. Moore’s Law ist auf seiner Seite und der sexieste Beruf der nächsten 20 Jahre wird Statistiker. Denn irgendwer muss die Riesendatenmengen, die Amazon notfalls per Festplatte in Empfang nimmt, ja auch auswerten. Und überhaupt, 1 TeraByte Datenvolumen pro Tag sind Kinderkacke.
  • Wer nicht Statistiker werden mag, sollte Elektronikbastler werden. Jeremy Tai Abbett sieht das Zeitalter der “Maker”, der Bastler und Tüftler im besten Sinne, angebrochen, in dem dank einfacher Computer wie Arduino und viel Phantasie sehr schnell Erfindungen zu Prototypen werden können.
  • Den lebenden Beweis dafür lieferte gleich Andrew Zolty von Breakfast NY. Seine Firma kann man wohl mit kreativer Bastelbude für die Verbindung von Digitalien mit Realien beschreiben. Andrew und seine Kollegen bringen Fahrräder zum Lästern, Werbezeppeline zum Einchecken bei Foursquare und statten Parties mit Instagram-Druckern aus. Und weil es soviel Spaß macht, schicken sie auch mal an ihre Wunschkunden ein Telefon, mit dem man nur eins tun kann: den Hörer abnehmen (siehe Foto).

    B-Line - Breakfast NY Telephone for prospective Clients

    Foto: Breakfast NY

  • Wer sich traut, kann auch seinen eigenen Körper hacken. Das war die Botschaft von Bestseller-Autor Tim Ferriss, der für sein neuestes Werk “The 4-Hour Body” (Amazon-Link) an die Grenzen des Gesunden gegangen ist, um herauszufinden, wie er seinen Körper mit geringstmöglichem Aufwand bestmöglich in Schuss halten kann. Das ganze trug er mit einer solchen Fülle von Fachwörtern und Hormonabkürzungen vor, dass ihm kaum so recht zu folgen war. Im Kopf blieb aber das Video einer Muskelbiopsie aus dem (seinem!) Oberschenkel, bei der eine 10 cm lange Kanüle ins Bein gejagt wurde. Nur um festzustellen, ob er muskelfasermäßig eher die Eigenschaften einer Antilope oder eher die eines Gorillas besitzt. Oder so.
  • Das kann man genauso für Irrsinn halten, wie das Projekt Universal Record Database (URDB), das Dan Rollman aus einem Spaß heraus aufbaute und das mittlerweile vom Hobby zum profitablen Unternehmen geworden ist. Die Idee: Scheiß auf “Das Guiness Buch der Rekorde” und ihre strikten Regeln, wir machen uns die Rekorde, wie sie uns gefallen. Dabei kommt soviel grandioser Spaß raus, dass man den auch vermarkten kann, zum Beispiel an Toyota. Und weil eben jeder einen Rekord aufstellen kann, hat Dan das mal eben mit den Next11-Teilnehmern gemacht. Wie genau, seht ihr hier.
  • Es ging auf der Next aber auch deutlich ernsthafter zu, wenn es um die Nutzung von Daten für die Bekämpfung von Krankheiten oder die Optimierung von Verkehrsflüssen in Ballungszentren ging. Visualisierung komplexer Daten war überhaupt ein wichtiger Punkt, der in vielen Vorträgen eine Rolle spielte.
  • Ganz handfest zeigte Raul Krauthausen (@RaulDE), wie Daten Gutes bewirken können. Er ist Initiator des Projekts wheelmap.org für das Rollstuhlfahrer genau kartografieren und dokumentieren, welche Orte für sie barrierefrei zugänglich sind und welche nicht. Echte Lebenshilfe mit Daten.
  • Stichwort Innovation: Rex Sorgatz (der heißt wirklich so) von Kinda Sorta Media stellte ein nachdenkenswertes Konzept vor, wie Innovation in die Welt kommt. Man nehme von einer Sache die Gegenpole und suche genau dazwischen nach einer neuen Lösung. Ein Beispiel: Nimm die Gegenpole “Standardisierte Fastfood-Restaurants à la McDonalds” vs. “Dein Sandwich-Shop um die Ecke”. Dann verbinde das Beste von beidem, also Wiedererkennbarkeit und Markenidentität von McDonalds mit der Möglichkeit, Produkte nach eigenem Geschmack zusammenzubauen. Heraus kommt eine neue Art Fastfood-Kette, bei der die Kunden ihre eigenen Kreationen bestellen und zugleich anderen Kunden präsentieren können: 4Food.

Ich fuhr vergangene Woche mit dem Wunsch nach Inspiration nach Berlin. Inspiration habe ich bekommen. Mehr, als in einen Blogpost passen würde und mehr als ich bislang verarbeitet habe. Aber eins ist von der Next11 hängengeblieben:

Es lohnt sich, mit Begeisterung und Leidenschaft für eine Idee einzutreten. Es gibt immer mindestens einen, der mit ihr etwas anfangen kann. Und das ist ein Anfang.

 

PS: Der international sehr gut vernetzte Igor Schwarzmann erinnert in seinem Post zurecht daran, wie aufwändig es ist, ein für “alle” (wer ist das ?) zufriedenstellendes Konferenzprogramm zu organisieren. Ich teile seine Meinung, dass die Organisatoren der NEXT11 hier einen prima Mix gefunden haben und dass die Next endlich auf dem Weg ist, Deutschland auf der internationalen Konferenzlandkarte würdig zu repräsentieren.