Ich bin begeistert. Seit Langem mal wieder. Begeistert von einem kleinen, unaufwändigen, aber umso effektiveren Social-Media-Kommunikationsschachzug. Von Lufthansa. Und der geht so:
Vor ein Paar Wochen verliert oder vergisst ein Apple Entwickler in einer Bar in Kalifornien einen Prototypen des noch streng geheimen iPhone der nächsten Generation. Das Gerät gelangt über Umwege an die weltweit vielgelesenen Tech-Blogs Engadget und Gizmodo, die Anfang dieser Woche darüber berichten. Die Gerüchtehungrige Netzgemeinde, allesamt zumindest Apple-interessiert, wenn nicht gar Fans, stürzt sich auf die Story und verbreitet sie weiter. Soweit, so normal.
Es stellt sich heraus, dass der schusselige Apple-Entwickler den Namen Gray Powell trägt, eine Facebookseite hat, und sein kostbares Gadget in einem deutschen Biergarten vergaß, weil er dem leckeren Gerstensaft aus deutschen Landen etwas zu sehr zugesprochen hatte. (Die ganze Story hier.) Zack, das ist sie, die Relevanz-Brücke. Das kleine Verbindungsstück von einer Apple-Geek-Geschichte zur deutschen Fluglinie Lufthansa.
Die macht sich die Story heute kurzerhand zu Nutze und schickt diesen Tweet vom Account @Lufthansa_USA in die Welt hinaus.
Hinter dem Link zu Twitpic steht ein offener Brief an iPhone-Vergesser Gray Powell. Der sieht dann so aus:
Wer darüber nicht geschmunzelt oder laut gelacht hat, dem ist nicht mehr zu helfen, oder?
Das wirklich Tolle an diesem kleinen Brief ist, dass er sich gerade rasend schnell über Twitter verbreitet. Der Dienst Backtweets, der Links automatisch zurückverfolgt, findet in diesem Moment schon rund 1.000 2.400 (Update 10 Stunden später) Retweets des Twitpic-Links, also Weiterleitungen in die persönlichen Netzwerke der Twitterer. Die potenzielle Reichweite ist also ein Vielfaches dessen.
Twitterer, Applefans, Freunde deutschen Bieres, und viele viele andere Menschen weltweit, die die iPhone-Verlustgeschichte mitbekommen haben, kommen so über eine kleine Relevanz-Brücke in Kontakt mit Lufthansa. Auf sympathisch-augenzwinkernde Art, dennoch dicht dran am “Markenkern” als deutsche Airline. Werden die jetzt für den nächsten Flug Lufthansa buchen? Vielleicht ja, vielleicht nein. Aber mit einer cleveren Idee und etwas Kreativität für einen offenen Brief hat das Lufthansa USA Twitter/SocialMedia/Marketing/PR-Team (oder wer auch immer) einen ganzen Berg voll Schmunzelmomente produziert. Und gezeigt, dass auch in einem Großkonzern Menschen sitzen. Menschen mit Humor und Spaß am Umgang mit den Kunden.
Um nichts anderes geht es in Social Media und im Cluetrain Manifest: Die Sprache der Menschen sprechen, zu einer Community gehören, und sich selbst nicht bierernst nehmen.
PS: Falls jemand zweifelt, Frau Lange von Lufthansa gibt’s wirklich (XING-Link, danke @broti via Facebook).




Habe diesen Brief ebenfalls mit einem herzhaften Lachen gelesen und auch zur Weiterverbreitung beigetragen.
Die Idee ist meiner Meinung nach ein sehr gutes Zeichen für ein gesundes Verständnis der Mechanismen im Social Web und ich hoffe, dass in Zukunft ein solches Verständnis in Unternehmen verbreiten wird.
Interessant wäre es, wenn Gray Powell nun tatsächlich nach München geflogen werden würde! Da warte ich gespannt auf die weitere Entwicklung.
PR at it´s best – geniale u symphatische Aktion, die gerade einmal um die Welt geht
Gutes Wort, Stefan: es ist eine “Aktion”, einmalig, eine Gelegenheit ausnutzend. Ein schönes Beispiel dafür, dass man gelegentlich langfristige Strategien auch mal zurückstellen muss/darf. Nur muss es dafür intern schnell genug gehen und die Freiheit für Aktionen außer der Reihe gegeben sein. Das war hier offensichtlich der Fall.
Ach, übrigens: Schaut euch mal die Tonalität der Retweet-Kommentare an. Durchweg positiv. Es fallen Begriffe wie “insanely brilliant promotion”, “LOL”, “Lufthansa, I LOVE you!”, “smart marketing”, “awesome twist” und mein Liebling: “lufthansa makes apple’s lemons into lemonade. AMAZING.”
Lufthansa überrascht :-) Ich hatte Lufthansas Social Media-Gehversuche auf Twitter lange Zeit belächelt und da als “nicht dialogfähig” abgetan. Die Annahme, dass Dialog bei Social Media sein muss, war da bei mir sicher prägend (das habt Ihr im SocialMediaPReview auch mal diskutiert?). Das sehe ich inzwischen differenzierter. Und heute, am Tag vor unserem Flug in den Urlaub, hat sich Lufthansa meinen Respekt verdient. Nicht mit einer “Cluetrain-Aktion” wie oben aber doch irgendwie schon im Sinne von “Märkte sind Gespräche”:
Twitter hilft. Lufthansa auch.
@Frank: Ich bin mir nicht so sicher, ob die gleiche Aktion, aus Lufthansa in Deutschland heraus getrieben, überhaupt stattgefunden hätte. Ich vermute stark, dass die US-Lufthanseaten in Sachen Social Media deutlich weiter sind als hierzulande.
PS: Schönen Urlaub!
@Tapio Da stimme ich Dir zu :-) Danke für die Urlaubswünsche!
Ich finde die gekonnte Guerilla-PR-Aktion von Apple mit dem vermeintlich liegengelassenen iPhone viel spannender ;-)
Absolut KLASSE! :)
Einfach eine Klasse Idee!