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Der Strukturwandel der PR (und was Vodafone damit zu tun hat)

Die PR-Branche hat ein Problem. Sie starrt wie das sprichwörtliche Kaninchen vor der Schlange weitgehend regungslos auf ein Phänomen, dass sie bislang kaum verstanden hat und dessen Tragweite sie sich nicht im Ansatz bewusst ist. Die Rede ist von einem neuen Strukturwandel der Öffentlichkeit, der die Geschäftsgrundlage des PR-Wesens mit in den Abgrund zu reißen droht.

Jürgen Habermas formulierte seinen “Strukturwandel der Öffentlichkeit” 1962 mit Blick auf den Transformationsprozess von der feudalen über die industrialisierte Gesellschaft zur Gesellschaft der Massenmedien, in der Öffentlichkeit nur noch vermittelt als “Scheinöffentlichkeit” entstehen kann – gesteuert und kontrolliert vom quasi-feudalen Machtappart der “Kulturindustrie”. Public Relations als Auftragskommunikation im herkömmlichen Sinne nahm in diesem Spannungsfeld die Rolle eines Repräsentanten der Mächtigen ein, dessen Aufgabe die Herstellung einer positiven Öffentlichkeit – also einer wohlwollenden Darstellung des Auftraggebers in den Öffentlichkeit herstellenden Massenmedien ist.

Die Struktur von Öffentlichkeit ändert sich und die PR kommt (bislang) kaum mit

Das Selbstverständnis der PR-Branche hat sich seitdem natürlich gewandelt. Vor 8 Jahren stellte ich im Rahmen meiner Magisterarbeit in Kommunikationswissenschaft fest, dass PR als “kommunikative Gattung” (Thomas Luckmann) begriffen werden kann – als eine Art kommunikativer Mittelbau zwischen individuellem kommunikativen Handeln und stark formalisierten Institutionen. Die Aufgabe der PR dabei: “öffentliches Vertrauen” herstellen als Glied einer “Vertrauenskette” zwischen Unternehmen und Massenmedien (und zwar per Definition nur zwischen diesen, siehe S. 106ff meiner Arbeit).

Ohne jetzt allzu philosophisch zu werden, muss man meines Erachtens heute konstatieren, dass es zur Zeit erneut zu einem Strukturwandel der Öffentlichkeit kommt. Die Vernetzung der Menschen untereinander durch das Social Web löst die Einflusssphäre der Massenmedien zusehends auf und öffentliches Vertrauen entsteht nicht mehr nur durch die Komplexität reduzierende konstruierte Wirklichkeit der Medien, sondern immer mehr im direkten Zusammenspiel der Menschen untereinander – vermittelt nur durch technische Plattformen. Das hat für Public Relations herkömmlichen Zuschnitts die Konsequenz, dass sie der Gesellschaft ein kommunikatives “Instrumentarium” anbietet, das so nicht mehr gebraucht wird.

Die Instrumente der PR traditionellen Zuschnitts werden immer stumpfer

Am konkreten Beispiel erklärt: Warum sollen Unternehmen noch PR-Agenturen dafür bezahlen, “mediengerechte” Inhalte wie Pressemitteilungen, Fachartikel, Statements, ja selbst derzeit so angesagte Dinge wie Videos und Social Media Newsrooms zu produzieren, wenn die Empfänger dieser Instrumente – die journalistisch-redaktionell arbeitenden Massenmedien nämlich – auf den Prozess der öffentlichen Vertrauensbildung immer weniger Einfluss haben?

Vodafone ist mutig – muss jetzt aber noch beweisen, dass es auf neuen Wegen Vertrauen erarbeiten kann

Heute Vormittag war im Internet zu besichtigen, was passiert, wenn ein großes Unternehmen versucht, die für die “alte Öffentlichkeitsstruktur” geschaffenen Methoden einfach auf neue Kanäle zu übertragen. Der Mobilfunkriese Vodafone lud zur per Web-TV übertragenen Pressekonferenz ein, auf der die neue Werbekampagne – pardon, der neue Markenauftritt! – vorgestellt wurde. Dem Livestream zur Seite gestellt wurde ein Facebook-Chat, der den Anschein direkter Interaktivität mit der “Web-Community” (O-Ton Vodafone Marketingchef Gregor Gründgens) herstellen sollte. De facto war das aber eine ins Internet übertragene Pressekonferenz. Mit Betonung auf Presse. Die von Vodafone als begehrenswerte Zielgruppe ausgerufene “Generation Upload” fand das, wenn man in die Kommentare schaut, freundlich gesagt, unbeholfen. Die Interaktivität beschränkte sich auf zwei oder drei aus dem Chat gefischte Fragen, die dann vom anwesenden Management mit für Pressekonferenzen üblichen Wortstanzen beschieden wurden.

Das mag der eine einen guten ersten Schritt nennen, und der andere – aus Sicht eines Journalisten! – peinlich. Eines zeigt dieses Beispiel aber ganz klar: Ein Überschminken bekannter PR-Instrumente mit der bunten Tünche des Social Web hat eher zur Folge, dass man sich lächerlich macht. Neue Freunde, Markenbotschafter gar, gewinnt man so eher nicht. Immerhin, Vodafone hat es ausprobiert und damit auch Kritik und Gegenwind riskiert, wie man zum Beispiel in den Kommentaren bei Meedia oder bei BasicThinking lesen kann. Die Bereitschaft, das aushalten zu wollen, darf man dem Unternehmen auf die Habenseite schreiben, denn das ist viel mehr Offenheit als man von anderen Großkonzernen je erwarten würde. Mehr Vertrauen in das Unternehmen entsteht daraus aber nicht unmittelbar, denn zu viele Fragen (gerade auch nach den Produkten und Preisen) blieben unbeantwortet, zu sehr blieben die Präsentierenden in ihrem Marketingsprech hängen.

Ein bunter Spot mit Bloggern drin macht noch keine Kommunikation auf Augenhöhe

Entscheidend wird deshalb sein, was jetzt folgt. Wenn es Vodafone schafft, neben neuen bunten Werbespots mit Web-Prominenz sein neues Versprechen der Zugänglichkeit für Web affine Menschen tatsächlich einzulösen, wäre es ex post noch ein guter Start geworden. Die dazu nötigen Gespräche 1:1 und zugleich n:n finden aber nicht bei Pressekonferenzen statt, sondern bei Twitter, in Blogs, in Social Networks, sprich überall dort, wo die Menschen ohnehin miteinander ins Gespräch kommen. Vodafone investiert da nicht unerhebliche Summen, es wird sich zeigen ob und wie sich das auszahlt.

Zurück zum Thema: Die PR-Branche braucht ein neues Rollenverständnis

Um den Bogen zurück zur PR zu schlagen, es bleibt die Frage, welche Rolle Public Relations in dieser veränderten Öffentlichkeitsstruktur einnehmen will, ja muss, wenn sie nicht zwischen den Fronten zerrieben werden will. Da lohnt ein Blick auf die organisatorische Einordnung beim Unternehmen.

Ich kenne nicht die Hintergründe der Entstehung der neuen Vodafone-Kampagne, aber so viel ist erkennbar: Der federführende Beratungs- und Kreationsdienstleister war in diesem Fall die Werbeagentur Scholz & Friends. Dass die seit einigen Monaten mit Nico Lumma einen im Social Web bewanderten Berater in den eigenen Reihen weiß, der ganz bewusst “bei den Kreativen” sitzt wie er mir neulich verriet, hat der Sache sicher nicht geschadet.

Als ganzheitlich arbeitende Manager von Kommunikation wie sich PR-Menschen gern sehen, sollten sie sich zunächst fragen, ob sie etwa bei Vodafone Zugang zur richtigen Entscheiderebene gehabt hätten, Einfluss auf die internen Prozesse des Kunden bekommen hätten und dann die Bandbreite an Maßnahmen, die eine so große Kampagne mit sich bringt, überhaupt hätten selbst in wenigen Monaten aus dem Boden stampfen können. Sehr viel Konjunktiv, ich weiß, aber das wären sind wichtige Voraussetzungen für einen Auftrag dieser Größenordnung.

Was also wollen PR-Leute in Zukunft leisten? Wo wollen sie sich einmischen, ob beratend, kreierend oder mitredend? Wollen sie weiter auf die “Schlange Social Web” starren und reflexhaft einfach die gelernten Tools auf einen neuen Kanal übertragen (und damit scheitern)? Oder will sich die PR-Branche endlich einmal selbstkritisch und konstruktiv damit auseinandersetzen, welche Funktion sie im fortschreitenden neuen Strukturwandel der Öffentlichkeit einnehmen will und wie sie das konkret schaffen kann?

Wenn ich mir so anschaue, was der PR-Berufsverband DPRG in den vergangenen Jahren verschlafen hat und was er jetzt mit reichlich Verspätung und allenfalls oberflächlich zu formulieren versucht (hier der beim PR Journal erwähnte Vorstandsbeschluss in Gänze), ist von ihm in nächster Zeit fürchte ich wenig Richtung weisendes zu erwarten. Denn seine Protagonisten tun sich ja leider schon schwer damit, die bereits laufenden Online-Debatten über die Zukunft der Profession zu verfolgen und sich einzumischen.

Einladung zum Diskurs

Aber vielleicht müssen wir ja auch nicht auf einen Verband warten (in dem ich selbst auch Mitglied bin), wenn wir den Strukturwandel der PR öffentlich, diskursiv und kollaborativ im Kreis der interessierten Kolleginnen und Kollegen diskutieren. Gleich hier in Blogs und Fachforen. Oder am 15. September beim PR 2.0 FORUM in Hamburg, einer eintägigen Konferenz zum Thema bei der ich konzeptionell mitwirken durfte und die ich als Moderator mitgestalten werde. Die Fragen, die beim Nachdenken über diesen Komplex durch den Raum schwirren sind so vielfältig, dass nichtmal ein einmal formuliertes Konferenzkonzept lange Stand hält, wie Björn Negelmann aufzeigt.

Andererseits geht es mir genau darum, Gelerntes und zunächst vielleicht zu Offensichtliches gegen den Strich zu bürsten und nach neuen Antworten zu suchen. Aber vielleicht gibt es ja schon welche?

Gepostet unter PR & Marketing, Unternehmen.

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31 Kommentare

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  1. Tobias Russ says

    Vielen Dank für den fundierten Beitrag, der meiner Meinung nach die derzeitige Crux der PR-Branche sehr plakativ darstellt. Die Unternehmen brauchen fundierte Beratung zum authentischen Storytelling, Mut und eine notwendige Dialogfähigkeit, sich mit dem Paradigmenwechsel in der Kommunikation auseinanderzusetzen. Da ist viel Aufklärungsarbeit und ein behutsames Heranführen notwendig, wie ich täglich beobachten kann. Deshalb: Glückwunsch für den Mut von Vodafone, sich dem Dialog zu stellen. Immerhin war die Marke damit eines der Tagesthemen bei Twitter & Co. Nur: Ausruhen kann man sich darauf nicht, denn das Web 2.0 ist nicht “Werbezeiten-Optimierbar”. Bin auf die nächsten Aktivitäten gespannt.

  2. Jens Petersen says

    Schöner und tiefsinniger Artikel. Danke dafür. Sicher eine Diskussion, die unsere Branche noch kräftig durchschütteln wird. Bei aller Kritik an Vodafone möchte ich allerdings das Unternehmen loben, sich um neue Wege in der Kommunikation zu bemühen. Dass die ersten Schritte etwas holprig verlaufen ist allemal besser, als auf ewig den gleichen Stiefel zu fahren.

  3. Wolfgang says

    Schließe mich Tobias an. Mutig und der richtige Schritt. Klar, neues Terrain für Vodafone und auch andere Unternehmen, die sich in Richtung Social Media hin bewegen und sicher nicht einfach hier von Anfang an Fuss zu fassen. Dennoch etwas enttäuschend war für mich dann doch, dass der Facebook-Chat nach der PK auf http://m.vodafone.de/pk/ wieder rausgenommen wurde. Hier hätte man den ersten Beweis für die Offenheit, durch eine gezielte Nachbearbeitung, bringen können. Klar, es war auch viel Quatsch dabei. Aber so ist das eben. Ich hatte eigentlich gehofft der Claim “es ist Deine Zeit” gilt auch noch nach der PK.

  4. Sascha Stoltenow says

    Von welchem Strukturwandel sprechen wir eigentlich?

    Vorweg:Ich glaube nicht daran, dass das Internet die Kernaufgabe dessen, was ich unter Public Relations verstehe, verändert. Zumindest habe ich in allen Diskussionen – online wie live – bislang kein überzeugendes Argument gefunden, was sich an der eigentlichen Aufgabe professioneller Unternehmenskommunikation fundamental verändert haben soll, u.a. hier(http://klauseck.typepad.com/prblogger/2009/05/auf-der-suche-nach-dem-prmitarbeiter-20.html). Ja, ich habe bislang noch nicht einmal eine überzeugende Beschreibung dessen gefunden, was denn zuvor – also vor dem Internet – die Aufgabe war.

    Und vielleicht ist genau das Problem. Statt über diese Aufgaben nachzudenken uns sie exakt zu beschreiben, rennt die Branche angesichts technischer Veränderungen aufgeregt umher, wie Hühner, in deren Stall ein Fuchs eingedrungen ist.

    Dabei sind genau diese technischen – und in ihrer Folge die sozialen Veränderungen – quasi ein einziger großer Beweis dafür, dass einige der ‘historischen’ Leitideen und Visionen unseres Berufstandes endlich wahr werden. Es geht – ganz naiv gesprochen – um Öffentlichkeit, es geht um Beziehungen im positiven Sinne, es geht um Vertrauen, und es geht um Überzeugen. (und im vormedialen Raum geht es auch einfach mal nur um knallharte Machtinteressen – ein Thema, das nie, nie, nie in der 2.0-Diskussion auftaucht, woraus sich die Frage ergibt, ob sich an dieser Diskussion überhaupt die richtigen Personen beteiligen – auf welchem PR 2.0-Forum auch immer).

    Wie ich das bereits in einem anderen Kommentar hier umrissen habe, ist für mich das Kennzeichnende unseres Tuns, dass unsere Auftraggeber – und damit wir in deren Auftrag – selbst publizistisch agieren. Dabei geht es u.a. darum, Strategien zu formulieren, also eine angemessene, überzeugende Übersetzung für strategische Ziele herzustellen, Themen intellektuell zu entwickeln und mit Hilfe eines redaktionellen Handwerkszeugs in unterschiedlichste mediale Formate zu übersetzen, um so die Beziehungen zu den relevanten Bezugsgruppen zu gestalten.

    Und wenn also PR eine Kommunikationsform darstellen, die Inhalte und Beziehungen zu einem aktiven Publikum und nicht Maßnahmen, Kanäle und passive Zielgruppen zum Ausgangspunkt der Überlegungen machen, sollte auch klar sein, dass sich daran im Kern durch die neuen Techniken nur wenig ändert, es sei denn, es wäre neu für uns, dass wir das, was wir schon lange sagen nun endlich ernst nehmen müssen. Vielleicht brauchen wir also weniger ein neues Selbstverständnis, sondern haben die Chance, selbst zu verstehen (und unseren Auftraggebern zu erklären), was wir eigentlich tun. Und zwar nicht als PR für PR, sondern als PR für die in der Tat einzigartige Perspektive, die wir einbringen können.

    Hierzu eine kleine sprachliche Gedankenspielerei: Wodurch unterscheidet sich der Begriff Public Relations von anderen Kommunikationsdisziplinen? Public Relations stellt das Ergebnis des Wirkens in den Mittelpunkt. Pressesprecher, Werber, Journalisten, Onliner und Kommunikationsmanager sprechen über sich selbst oder die Technik, die sie einsetzen – wir sprechen über das Ziel unserer Arbeit – und sind dennoch auch Pressesprecher, Werber, Journalisten, Onliner und manchmal sogar Kommunikationsmanager.

    Genau das führt mich, auch und gerade wegen der Vodafone-Übertragung, zu der eigentlichen Frage, über die wir meines Erachtens sprechen sollten: Was verstehen wir unter Qualität? Sicher nicht das gestreamlinete Gequassel aus der Vodafone-Marketing-Abteilung und ihrer Hilfstruppen. Das ist – gemessen an den Aufmerksamkeitszielen – alles vielleicht gut und richtig. Aber ich will in diesem Lumma-Land nicht leben. Ich will mein Publikum ernst nehmen und will ernst genommen werden, und habe nicht den Eindruck, dass Vodafone das tut. Stattdessen tun sie so, und es scheint ihnen zu reichen. Mir nicht, denn mir fehlt die inhaltliche Qualität. Und ein bisschen wundert mich, dass diese Frage so wenig thematisiert wird – trotz überarbeiteter Konferenzkonzepte. Und vielleicht ist es kein Zufall, dass es mit Björn Sievers dann doch wieder einem Journalisten überlassen bleibt, das anzusprechen.

  5. Katrin Renner says

    Hervorragender Artikel, der die Verunsicherung unter den Kommunikationsverantwortlichen und -beratern schön auf den Punkt bringt. Es geht eben nicht darum, die Inhalte, Maßnahmen und Formate ins Internet zu übertragen. Vielmehr gilt es, ein neues Interesse und Vertrauen für die Kunden zu entwickeln. Anders haben Unternehmen und Marken im Internet der sekundenschnellen Bewertungen, Kommentare und Weiterverlinkung keine Chance. Den meisten fehlt es wohl bisher an Mut, daher Respekt für Vodafone, die nun ihre Lehre ziehen. Die Art, wie Unternehmen künftig kommunizieren müssen, zeichnet sich ab: offen, verständlich, service-orientiert.

  6. Torsten Herrmann says

    Danke für den guten Beitrag (angesichts dieser Online-PK bin ich immer noch vollkommen fassungslos). Allerdings geht es mir ähnlich wie Sascha Stoltenow. Ich habe noch nie verstanden, was Online-PR sein soll bzw. was der fundamentale Unterschied zu PR sein soll. Eins aber wird nun klar: mit Social Media müssen PRler mit Leuten reden, die eigentlich immer schon zu ihrem Aufgabengebiet zählten. Denn so einen fundamentalen Unterschied zwischen einem Infostand einer Bürgerinitiative in der Fußgängerzone und einer Internetdiskussion gibt es nicht. Vielmehr können sich PRler nicht mehr nur auf Pressearbeit zurückziehen, denn darüber hinaus fiel den meisten doch überschaubar viel ein (geht mir ja als hauptsächlich B2B-PRler selbst so). Letztlich ist es also eine Chance, auf die wir doch schon lange gewartet haben.

  7. Tapio says

    @Sascha: Vielen Dank für den ausführlichen Kommentar! Da kommen wir ja schonmal an einigen Punkten näher an die von mir nur skizzierten Fragestellungen ran, klasse!

    Die Hühnerstallsituation trifft es gut. Ausgelöst duch eine Menge neuer Werkzeuge (=Technologien), die den PRlern mit einem großen Schild “WICHTIG!” plötzlich auf den Schreibtisch gestellt werden, kommt erstmal Panik auf was jetzt zu tun sei. Das ist für eine Umbruchsituation aber normal. Deshalb plädiere ich ja für’s Nachdenken über die Aufgaben, die mit dem neuen Werkzeug gelöst werden können, statt für’s kopflose Herumhantieren mit neuen Pinseln an alten Aufgaben.

    Und ich denke schon, dass die PR bislang (in aller Regel) an anderen Aufgaben gearbeitet hat. Nämlich an der von dir beschriebenen publizistischen Präsenz. Was aber fehlt, und das zeigt auch das Beispiel Vodafone wie Mirko Lange heute in seinem Blog treffend beschreibt. Der PR-Branche ist es bislang trotz aller Beteuerungen m.E. nicht gelungen, so tief in die Strategien von Unternehmen einzugreifen, dass diese in der Lage wären wenigstens ein bisschen auf dem “Cluetrain” mitzufahren, also einigermaßen verständlich mit den Menschen zu reden. Das aber wird für den Beziehungsaufbau in Zukunft vonnöten sein. Denn je weniger die journalistischen Medien den Menschen die Welt erklären, desto mehr sind die Leute drauf angewiesen, dass Unternehmen mit ihnen ehrlich, offen und auf Augenhöhe Klartext reden (in diesem Sinne Qualität, ja!).

    Und das reicht weit über “Präsenz” hinaus. Es erfordert nämlich ein Wirken auch ins Unternehmen hinein, in die Produktentwicklung, in den Kunden(!)dienst(!). Das sehe ich bislang kaum umgesetzt. Vielleicht weiß ich an der Stelle auch zu wenig über die Tätigkeit anderer Agenturen und Berater, wenn ich mich aber mal nicht als Berater sondern als Kunde die Sache anschaue, schüttele ich mehr als einmal pro Woche mit dem Kopf.

    Das neue Selbstverständnis, das ich im Post anspreche hat m.E. auch etwas mit neuem Selbstbewusstsein zu tun. Denn gerade Agenturen – in wirtschaftlich schwierigen Zeiten zumal – lassen sich zu oft in die Rolle der “verlängerten Werkbank” drängen. Der Kunde sagt dann wo’s langgeht, er will Pressemitteilungen, Fachbeiträge, womöglich auch Anzeigenplatzierungen von der PR. Wenn wir hier nicht gegenhalten und die Wünsche des Kunden hinterfragen und ihm aufzeigen, dass es bei PR um viel mehr geht – um seine Beziehungen mit der Öffentlichkeit nämlich, auf allen Ebenen – werden wir erst weiter auf der Stelle treten und dann untergehen. Denn die publizistischen Techniken kann ein cleverer Kunde mit etwas Manpower auch selbst abfeiern. Gerade in der Krise tun das auch viele. Nennt sich dann “wir machen das in-house”.

    So gesehen bin ich einverstanden, wenn wir über das Ziel unserer Arbeit sprechen sollen. Das ist auch Teil der Diskussion, die wir im Rahmen es PR 2.0 FORUM führen wollen und ich würde mich sehr freuen, dich mit dabei zu haben! (Ja, das ist eine offizielle Einladung!)

  8. Stefan Schanz says

    Danke für diesen Beitrag über Sinn und Wirkung unseres Tuns (und resultierend unsere Daseinsberechtigung …).

    Über das “Wirken ins Unternehmen hinein” kann ich auszugsweise aus einer PR-Studie zum Thema Evaluation zitieren, die wir vor Jahren mit der Uni München erstellt haben:

    “PR-Evaluation wird demnach zwar als ein wichtiges Instrument zur PR-Qualitätskontrolle betrachtet,
    nicht aber als Tool zur Überprüfung der allgemeinen Unternehmenspolitik und/oder -strategie gesehen. Mit aller Vorsicht muss also angenommen werden, dass PR in deutschen Unternehmen keine allgemein-strategische Rolle spielen. Unserer Ansicht nach stoßen wir hier auf das “Missing Link” der PR, nämlich auf die Frage: Was leistet Public Relations wirklich? Welchen Beitrag zum Unternehmenserfolg liefern sie? Wer den Regelkreis der Kommunikation kennt, der weiß, dass Image und Glaubwürdigkeit davon leben, dass Sagen (PR) und Tun übereinstimmen. Zudem berichten Medien nicht nur das, was PR-Berater ihnen vorsetzen. Schon allein deshalb sind z.B. Medienresonanzanalysen stets auch nützliche Instrumente, um operative Handlungen zu überprüfen, zu optimieren und anzupassen. Diese Erkenntnis scheint sich in den Unternehmen (noch) nicht durchzusetzen.”

    Die komplette Studie ist auf dem Schriftenserver der Uni München verfügbar: http://epub.ub.uni-muenchen.de/1931/, das Zitat und mehr gibts auf Seite 10ff.

  9. Sascha Stoltenow says

    Vielleicht ist es ja auch gut, dass es der PR-Branche bislang nicht gelungen ist, in die Strategien von Unternehmen einzugreifen. Und dort, wo sie es getan hat, ist sie sehr gut beraten, es nicht jedem auf die Nase zu binden. Anders formuliert: für mich ist unternehmerisches Handeln im Kern ein kommunikativer Akt, mit dem ein Teil der Welt nach der Vorstellung des Unternehmers/des Unternehmens gestaltet werden soll. Vom “Folge mir” in der Politik bis zum “Kauf Mich” bei Konsumgütern – inklusive aller Schattierungen dazwischen.

    Aber – keine Angst Mirko Lange – die Arbeit geht uns nicht aus, denn das Beispiel Vodafone zeigt, dass es nicht nur darum geht, Kanäle zu bespielen, sondern darum das Angemessene zu tun und zu sagen. Die neue Technik hilft uns aber “leider” nicht beim Denken – es bekommen nur mehr mit, wenn wir es nicht tun.

  10. Heike Bedrich says

    Das sich die PR ändern muss ist bekannt, aber vielleicht noch nicht bei jedem angekommen. Die PR befindet sich in einem Konkurrenzkampf mit Online Agenturen und Kreativagenturen wenn es um Social Media geht. Diesen Kampf haben PR Agenturen meines Erachtens bereits verloren, da sie sich nicht in Stellung bringen und bringen können. Es fehlt das Personal, siehe auch mein Beitrag hierzu im PR-Blogger “Auf der Suche nach dem PR-Mitarbeiter 2.0″ und es fehlen Ideen. Der Kanal Web 2.0 lässt sich eben nicht mit Pressefloskeln füllen, es werden keine Pressetexte abgedruckt, Pressekonferenzen like Vodafone sind ein Versuch, aber was bleibt? Meines Erachtens fehlt die Bereitschaft zum Dialog mit einer kritischen und aufgeklärten Masse. Und für die Aufgabe braucht die PR Mitarbeiter, die sich diesem Dialog stellen. Authentisch, transparent und nicht als Fake Person. Und ich weiß, die PR-Branche betreibt nicht nur Pressearbeit, sondern auch Öffentlichkeitsarbeit, aber die Mechanismen im Web 2.0 sind so komplett anders, dass man die PR-Arbeit nicht 1:1 umsetzen kann. Welche Rolle spielt also die PR-Branche im Web 2.0? Eine traurige und es scheint mir, dass sich andere Agenturformen schneller dem Wandel angepasst haben.
    Heike Bedrich, Talisman Kommunikation

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    [...] Open Source PR: De facto war das aber eine ins Internet übertragene Pressekonferenz. Mit Betonung auf Presse. Die von Vodafone als begehrenswerte Zielgruppe ausgerufene “Generation Upload” fand das, wenn man in die Kommentare schaut, freundlich gesagt, unbeholfen. Die Interaktivität beschränkte sich auf zwei oder drei aus dem Chat gefischte Fragen, die dann vom anwesenden Management mit für Pressekonferenzen üblichen Wortstanzen beschieden wurden. [...]

  4. Von Vodafone, Funktionen und dem Strukturwandel der PR | Grenzpfosten hat zu diesem Artikel verlinkt. on 10. Juli 2009

    [...] sagt: Social Media is the willingness to fail. Und dieser Wille zeigt deutlich, was auch Tapio sehr fein beobachtet hat. Wir erleben im besten habermas’schen Sinne einen Strukturwandel der PR auf Grund eines [...]

  5. Keine Angst vor Social Media – Warum die PR Twitter und Co. nicht fürchten müssen | Digital Conversation | Social Media Kommunikation und mehr hat zu diesem Artikel verlinkt. on 10. Juli 2009

    [...] 2.0, David Nelles erklärt Twitter zum Gott-sei-bei-uns der PR und Tapio Liller ruft einen Strukturwandel der PR aus. Der jüngste Anlass über das Thema zu reden: Vodafones Auftritt auf der Social Media-Bühne, [...]

  6. stilstand» Blogarchiv » Den PR’lern dämmert da was: hat zu diesem Artikel verlinkt. on 11. Juli 2009

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