Am vergangenen Freitag, 27.3. wurde mir ohne mein Wissen eine spezielle Ehre zuteil: Einer meiner Tweets vom Donnerstag abend wurde von der ebenfalls twitternden handlich-praktischen WELT kompakt (@weltkompakt) auf die Titelseite der Bundesausgabe gedruckt. So sah das dann aus:

Gut, ich hätte mir gewünscht, mit einem Tweet von höherem Anspruch auf Papier “retweeted” zu werden, aber OK, der Spruch ist authentisch und kam von Herzen. Vielleicht hat ja ein Leser drüber geschmunzelt, würde mich freuen (auch ohne den Kontext, denn der “heißeste Fotograf ever” war Rankin – einige Fotos aus dem Shooting auf seiner Website).
Irgendwie irritiert hat mich dann doch der Umstand, dass ich erst heute morgen über eine Kollegin meiner Freundin drüber erfuhr. Die Frage an Twitterland, ob jemand die Ausgabe zufällig zur Hand habe beantwortete dann @weltkompakt selbst per Direktnachricht und bot an, ein PDF der Titelseite zu mailen. Guter Service und ein schönes Beispiel, wie Medien/Unternehmen/Marken ihren Lesern/Kunden/Fans durch aufmerksames Zuhören einen kleinen Gefallen erweisen können.
Geändert und gekürzt, ohne Hinweis darauf
Auf den zweiten Blick fiel mir dann noch auf, dass der Tweet im Original irgendwie anders war. So nämlich (klick zum Original):
Es gab also einen redaktionellen Eingriff. Statt des Hashtags #gntm, das “Germany’s Next Topmodel” bei Twitter kurz kennzeichnet ein “Topmodel”. Das “Versteh wer will.” fiel gleich ganz der Schere zum Opfer. Man kann jetzt natürlich argumentieren, dass WELT kompakt Leser nicht alle bei Twitter sind und/oder mit #gntm nichts anfangen können. Absolut plausibel. Man könnte auch sagen, dass der Kerngehalt des Tweets auch ohne das “Versteh wer will” klar ist. Auch richtig. In diesem Fall auch nicht tragisch, mich stört es nicht weiter. (Der Tweet von @herrtobe ist bis auf die Weglassung zweier # unverändert.)
Leserbriefe, Blogposts, Literatur? – Was sind Tweets eigentlich wirklich?
Trotzdem bleibt die Grundfrage, welchen Status öffentlich zugängliche Tweets eigentlich haben. Sind es kurze Leserbriefe, bei denen Abdruck und Kürzungen ja ausdrücklich vorbehalten sind? Wohl kaum, schließlich sind sie nicht an WELT kompakt gerichtet, sondern öffentlich. Sind sie Blogposts, aus denen man ja auch zitieren kann? Schon eher, aber dann gebietet es die journalistische Sorgfalt Hinzufügungen und Auslassungen zu kennzeichnen. Etwa so:
[Topmodels:] Da werden die schon von einem der heißesten Fotografen ever inszeniert und können sich nicht 15 min zusammenreissen. [...] @tapioliller
Oder sind Tweets gar eine Form des künstlerischen Ausdrucks, gar Literatur, bzw. “Twitteratur” (Link zum Blog von @bosch)? Dann könnte man als Autor auf der vollständigen und unverfälschten Wiedergabe nach vorheriger Genehmigung bestehen. Hier gibt es natürlich urheberrechtliche Rahmenbedingungen wie die so genannte “Schöpfungshöhe”, die der Law-Blogger Dr. Carsten Ulbricht in seinem lesenwerten Beitrag zu Twitter & Recht (auch die Kommentare lesen!) bei einem einzelnen Tweet anzweifelt.
Eines sind Tweets meines Erachtens aber nicht: Kostenloses Füllmaterial für Tageszeitungen, die noch Platz im Blatt haben und ihn mit mehr oder minder originellen Sprüchen aus dem hippen Twitterland bestücken.
Nachfragen. Eine Frage der Höflichkeit.
Um Missverständnissen vorzubeugen: Ich finde die Idee, Tweets in der WELT kompakt zu “retweeten” im Prinzip in Ordnung. Nur solange ein zitierwürdiger Twitterer seine Kurznachrichten nicht klar erkennbar mit einer Lizenz, zum Beispiel Creative Commons, versehen hat, solange wäre es m.E. angebracht und guter Stil, 1. kurz zu fragen ob man den Tweet abdrucken darf und 2. ob eine etwaige Veränderung OK ist. Das hätte gleich zwei positive Effekte: Die Twitterer würden sich erstens als Urheber persönlich wahr- und ernstgenommen fühlen und zweitens auf den Abdruck im kommenden Heft freuen können – und wer weiß, manch einer würde das Blatt dann auch kaufen. Für eine Zeitung nicht das Schlechteste, oder?
Der Fairness halber habe ich beim stellvertretenden Chefredakteur der WELT kompakt, Frank Schmiechen per E-Mail nachgefragt wie es die Redaktion mit diesem Thema (Nachfragen & Redigieren) hält und diesen Post angekündigt. Deshalb bin ich auch mal so frei und gebe seine Antwort im Wortlaut wieder:
Moin Tapio,
Wir wollen das mit den Paperretweets so einfach wie möglich halten. Wir fragen die Twitterer, ob wir ihre Tweets drucken dürfen. Habe ich aber auch schon mal vergessen… Und dann redigieren wir behutsam, um es lesbarer zu machen. Der Sound sollte dabei erhalten bleiben.
Beste Grüße
Frank
Dann verbuche ich meinen Tweet mal unter “auch schon mal vergessen…” und frage euch: Bin ich hier vielleicht päpstlicher als der Papst?


Glückwunsch. Ich finde, die Welt Kompakt könnte schon vorab und immer drauf hinweisen, dass man zitiert wurde und ein Belegexemplar schicken. Noch wichtiger: Diese Rubrik sollte online verfügbar sein. Wäre doch interessant als RSS zu abonnieren.
Creative Commons wäre in diesem Fall vermutlich auch keine wirkliche Lösung, da die meisten Urheber erfahrungsgemäß so lizensieren, dass die kommerzielle Nutzung ausgeschlossen ist. Somit hätte die Zeitung, die ja zumindest eine Gewinnerzielugnsabsicht hat, den eigenen Tweet auch nicht abdrucken können.
Selbst wenn eine ausreichende Schöpfungshöhe nicht gegeben ist, so ist es doch ein schlechter Stil seitens der Weltkompakt, vor der Verwendung nicht zu fragen (sicher möchte nicht jeder mit seinem Tweet in der Zeitung stehen); eine mittelgroße Sauerei ist es, die Tweets einfach abzuändern. Das machen die mit anderen Zitaten doch hoffentlich auch nicht.
Twitkrit fragt übrigens auch nur bei protecteten Tweets, ob wir diese rezensieren dürfen, bei allen anderen sehen wir von der Einholung der Einwilligung durch den Autor ab. Reich-Ranicki fragt ja schließlich auch nicht, ob er ein Buch rezensieren darf.