So richtig wollen sie nicht zueinander passen, die in die Jahre gekommene, inzwischen doch sehr verspießerte CeBIT und die fast verschämt ins hinterste Eck der Halle 6 gepflanzte “WebCiety Area” mit ihren Sechseckständen in sehr dunkler, wechselnd-bunt beleuteter Atmosphäre als Hort der Internet-Hippness.

Die WebCiety verhielt sich zum Rest der CeBIT wie der mysteriöse, schwarz glänzende Quader in Stanley Kubricks “2001 – Odyssee ins Weltall” zum Rest des Mondes. Sie wurde neugierig beäugt von Menschen, die zunächst überfordert schienen von der Andersartigkeit der Fläche mit ihren schwarzen Teppichen und den mit weißen Trennlinien auf dem Boden angedeuteten und nur mit Projektionen gestalteten Kleinständen.
Hatte man sich dann ins Innere des okkulten Areals vorgewagt, sah man sich einem Altar gegenüber, auf dem von zwei Großprojektionen dominiert Themen besprochen wurden, die einem langjährigen CeBIT-(Fach-)Besucher wie Ketzerei vorkommen mussten. Wein im Web 2.0, ein Blogroman-Projekt, die Abenteuer des geheimnisvollen Raumschiffs “Enterprise 2.0″, und die sonderbaren Gewohnheiten der so genannten “Digital Natives”, der fanatischsten Anhänger einer wortreich beschriebenen (R)evolution namens “Web 2.0″.
So anders und neuartig ist die WebCiety, dass selbst die Redaktion des Nerd-Zentralorgans Heise.de nicht umhin kam, das “Kunstwort” zu erklären. Es war zwar auch ganz offiziell “Schwerpunktthema” der Messeveranstalter, blieb aber ein Fremdkörper im (deutlich geschrumpften) Meer der weiß-kalt beleuteten Messestände von Komponentenherstellern und Softwareanbietern. Die gefühlte Medienaufmerksamkeit hingegen war enorm, die Interviews-pro-Quadratmeter-Relation beachtlich – zu einem Gutteil bereitwillig und nicht ohne Stolz absolviert von der selbsterklärten Führungsfrisur der deutschen Webszene Sascha Lobo. Der Co-Organisator und Verantwortliche für’s Konferenzprogramm auf der Bühne, Björn Negelmann von KongressMedia, spannte derweil moderierend die Brücken zwischen den Panelisten und Vortragenden. Eine Arbeitsteilung, die wohl beiden sehr recht war.
“Beutelratten” irrten ratlos umher
“Computermesse” wird die CeBIT im Volks- und Tagesschaumund noch immer genannt, aber das beschreibt sie mehr schlecht als recht. Denn um Computer geht es nur noch am Rande und die Endverbraucher-nahen Aussteller mit ihren Handys, Laptops und Spielekonsolen sind fast alle weg. Geblieben sind reichlich im Ausstellerjargon “Beutelratten” genannte Privatbesucher ohne erkennbares Besuchsziel, die angesichts der sich ausbreitenden Leere und der deutlich karger ausgefallenen Ständen mit verzweifelten Blicken nach dem suchten, was die CeBIT vor 10 Jahren ausmachte: Die coolsten Neuheiten aus dem Reich der Gadgets, der inoffizielle Wettbewerb der heißesten “Booth Babes” und die lautesten Standparties mit Freibier nach Messeschluss. Nichts davon ist übrig geblieben im Rezessionsjahr 2009.
Klassentreffen ohne Erinnerungswert
Die WebCiety konnte hier keinen Ausgleich schaffen, wollte sie auch nicht. Denn hier begegneten sich letztlich die avantgardistischen Vertreter einer Szene, die weder mit dem IT-Fachbesucher noch mit dem Tüten tragenden Gadget-Gaffer etwas gemeinsam haben. Wer schonmal auf einem Barcamp war oder einer “Web 2.0 Expo” oder einer “next“, konnte bekannte Gesichter finden, ein kleines Schwätzchen hielten und sich nach einem langen Messetag mit einem “Wir sehn’ uns dann auf der …” wieder verabschiedten. Es hatte was von Klassentreffen.
Inhaltlich blieb wenig hängen. Zu bunt gemischt und zu unterschiedlich in ihrer Qualität waren die Panels (meine Stichprobe ist vom Dienstag und Donnerstag). Die Moderatoren waren meist eher darauf bedacht, jeden Diskutanten zur Geltung kommen zu lassen, als eine kontroverse Diskussion zu fördern. Auch die Aussteller des WebCiety-Bereichs konnten aus meiner Sicht keinen Akzent setzen, der sie von normalen CeBIT-Ausstellern unterschieden hätte – mit einer Ausnahme: Eine Firma hatte einfach ein Telefon auf den Tisch gelegt und die Projektion darüber sagte “Wir haben mehr Aufträge als erwartet – deshalb ist leider keiner persönlich hier. Nutzen Sie doch einfach unsere Hotline zum Geschäftsführer.”
Wenn das ein Zeichen für die Zukunft des Web-Geschäfts ist, können die Besucher der WebCiety beruhigt nach Hause fahren. Die Konferenz selbst ist hingegen leider nicht mehr als der Versuch der Messegesellschaft, ihrer in der Langeweile des Wirtschaftsestablishments vermufften Großveranstaltung ein kleines bisschen Coolness zurückzugeben. Auch wenn Messechef Raue den Bereich im kommenden Jahr ausbauen will, die Themen der WebCiety werden anderswo schon längst in erprobten Formaten mit mehr Ruhe und inhaltlicher Tiefe diskutiert. In den Alltag der Unternehmen gelangen die Erkenntnisse ohnehin auf anderen Wegen, nämlich über die Gespräche und Debatten, die online stattfinden.
Das Web-Business braucht die CeBIT nicht, aber die CeBIT das Web-Business – und wenn es nur für den Anschein der immerwährenden Neuerfindung ihrer selbst ist.

Weitere Stimmen aus der deutschen Blogo- und Mediensphäre zum Thema:
Medien-Seite Meedia schreibt brav Pressemeldungen ab
Wiwo vernimmt Euphorie
InternetWorld Business fehlt die Tiefe
Ex-Connect-Mann und PR-Manager Bernhard Jodeleit wünscht der CeBIT gute Besserung
Für Sachar Kriwoj steht Business im Mittelpunkt
Markus “Fliegendes Auge” Huendgen hat mitgefeiert
Politik Digital vermisst die Politik
PRler Martin Kurth hat ein Dresscode-Problem
Thomas Knüwer bloggt sich ein wenig Hoffnung für 2010
Der Weltherrscher hat’s vorher gewusst




Wo ich es jetzt lese: In der Tat habe ich mich von fast allen Bekannten mit einem “Sehen uns beim BarCamp / bei der pl0gbar / etc. pp.” verabschiedet.
Meine sonstigen Beobachtungen decken sich ungefähr mit deinen. Interessant an der Sache: Die staunenden Anzugträger (im Sinne von: Klassischer CeBIT-Business-Besucher) & “Beutelratten” waren so wie ich es einschätzen konnte schlicht überfordert mit der sehr offenen Art innerhalb der Webciety-Area. Auch die Twitterwall wurde zum größten Teil von den “üblichen Verdächtigen” bespaßt.
Gefallen hat es mir aber auf jeden Fall :) Mal sehen, wie das nächstes Jahr wird. Oder ob da schon andere Konferenzen (next, DMMK, DLD, re:publica) noch weiter an Bedeutung gewonnen haben & die CeBIT uninteressant ist.
Am meinem Donnerstag waren viele Besuche bei Webciety. Das spricht für und nicht gegen die Veranstaltung. Wenn neben den abgeschotteten Insidern auch Anzugträger und Beutelraten auftauchen, kann es der Entwicklung von Web 2.0 mehr nützen als schaden.
Die erste Cebit fing mal als kleine Abteilung der Industriemesse statt. Warum soll Webciety stattdessen vom Start weg giga-gaga-groß sein?
Wie soll Hardware Web 2.0 unterstützen können, wenn keine es keine Berührungen mit den Herstellern gibt?
Die Webciety war okay!
Hier mein Webciety Review und meine Meinung zu Sascha Lobo, die ich revidiert habe, nachdem er mir kurz nach Veröffentlichung des Blog-Posts eine E-Mail geschrieben hat.
http://www.smartens.eu/blog/2009/03/09/sascha-lobos-cebit-and-webciety-review/
Die Webciety war eine gute Idee. Ob sich das Wort (auch mit Hilfe der SAP, was die wenigsten bemerkten) durchsetzen wird oder nicht, bleibt abzuwarten. Mein Rückblick hierzu hat auf jeden Fall schonmal die Gemüter angeregt… http://tinyurl.com/c945qq Bin beruhigt, daß so mancher Besucher es genauso sieht.