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Lasst uns Brandstifter werden! Ein Plädoyer für ein emotionales Verständnis des Social Web

Seit ein paar Monaten vergeht kein Tag, an dem meine Mit-Twitterer oder ich nicht gefragt werden, was Twitter ist. Regelmäßig verfallen wir dann in ein mehr oder weniger schlüssiges Stammeln über 140 Zeichen und Follower und Gefollowte und warum das alles spannend ist.

Die eine knackige Definition, die einem Neuling sagt, was Twitter (in der Praxis) ist und warum es diese enorme Dynamik entfaltet, scheint es nicht zu geben. Die Unterhaltung endet dann oft mit dem Satz: “Ist halt schwierig in Worte zu fassen. Am besten probierst du’s mal selbst aus.”

Das gilt genauso für andere Plattformen im “Sozialen Netz”. Man mag es als Intensivnutzer ja kaum glauben, aber es gibt da draußen immernoch eine Menge Menschen, die nicht wissen, was ein Social Network ist, was in einem Online-Forum passiert, und wie ein Wiki bedient wird.

Wir sollten über diese Leute nicht lachen, auch nicht im Verborgenen, sondern es als Aufgabe annehmen, für Klarheit und Wissen zu sorgen. Denn der Medienwandel passiert. Und wer nicht mitkommt, kommt unter die Räder. So wie die Musikindustrie- und jetzt die “Journalismusindustrie”, wie sie der Musikmanager und Online-Unternehmer Tim Renner bei CARTA nennt.

Das dort formulierte “Renner’sche Gesetz” ist sein Weckruf für jede Branche, die der Digitalisierung ins Auge sieht:

“Der Wechsel vom analogen zum digitalen Medienträger bringt immer auch einen Wechsel des Geschäftsmodells mit sich.”

Eine weitere These Renners hat dazu noch großen Bezug zur Frage was Twitter eigentlich ist und ausmacht. Er sagt (Paraphrase von CARTA):

“Die Manager der Medienindustrien erfassen den Medienwandel vor allem auch deshalb nicht emotional, weil sie nicht in der Technikwelt der Nutzer ihrer Inhalte leben. Genau um solch ein emotionales Verständnis geht es aber.”

Ich würde das sogar verallgemeinern und sagen:

Kommunikations- und Marketingmanager aller Branchen müssen ein emotionales Verständnis für die Medien- und Technikwelt ihrer Kunden entwickeln, um sie künftig überhaupt noch zu erreichen. In letzter Konsequenz gilt das auch für Geschäftsführer und Vorstände.

Oder an einem fiktiven, aber nicht ganz unrealistischen Beispiel erklärt: Würdet ihr einem Vorstand eines Konsumgüterherstellers, der sich E-Mails von der Sekretärin ausdrucken lässt und die Antwort per Diktat auf den Weg schickt, abnehmen, dass er am Puls der Zeit ist? Eben!

Alles Erklären, die Theorie des Social Web, die überall in Fachblogs sprießenden “10 Regeln zum erfolgreichen Umgang mit Twitter”, all das ist sicher in der derzeitigen Explorationsphase der zweinulligen Kommunikation normal und vielleicht auch nützlich. Doch am Ende zählt die ganz praktische Durchdringung, die persönliche und emotionale Erfahrung des Neuen. Die Theorie bleibt grau und neblig.

Beispiele? Bitteschön: Wer noch nie das kleine High erlebt hat, wenn der erste Kommentar auf einem neu aufgesetzten Blog eingeht; wer sich noch nie über einen Re-Tweet einer frischen Linkempfehlung gefreut hat; wer noch nie “live” dabei war, wie die Nachricht eines Flugzeugabsturzes, wie am Mittwoch in Amsterdam, in Sekunden um die Welt geht; wer all diese Dinge nicht aus eigener Anschauung nicht nur gesehen und gelesen, sondern auch gefühlt hat, dem fehlt eine ganz entscheidende Voraussetzung für das Verständnis des Medienwandels. Denn das “Social” im Social Web ist sehr stark emotional geprägt.

Ohne dieses Verständnis wird es aber nicht gehen. Nicht mehr lange. Also lasst uns die Schüchternen, die Ängstlichen, die Ignoranten und die Faulen vor die Bildschirme zerren und ihnen zeigen, was sie verpassen. Und wenn die Glut der Faszination zu glimmen beginnt, geben wir Reisige hinzu und kleine Scheite, bis das Feuer der Begeisterung lodert und unsere Schützlinge selbst hinausgehen und Fragen über Twitter beantworten müssen.

Nennt mich ruhig Brandstifter. Es macht einen Riesenspaß!

Gepostet unter PR & Marketing.

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9 Kommentare

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  1. David says

    Ich brenn mit.

  2. Daniel says

    Seit dem Twestival erlebe ich meinen zweiten Begeisterungsschub für twitter. Neulich meinte jemand nach einer Veranstaltung: “twitter? Wer braucht denn diesen neumodischen Boulevardquatsch?!” Da kann man natürlich nur den Kopf schütteln, denn ob man boulevardeske Accounts verfolgt, liegt ja bei jedem selbst. Arme Unwissende! Hast mich gerade zu ´nem Post inspiriert: Die fünf sonderbarsten Erlebnisse mit twitter. Zum Beispiel, dass unser Twestival-Fahrer sich Tage später auch für nachhaltige Investments interessierte, ich also zweimal nützliche Verknüpfungen mit einer mir ansonsten völlig unbekannten Person einging.

  3. Mark says

    Count me in!

  4. Wittkewitz says

    Hi in die Runde,

    auf die Gefahr, das zu wörtlich zu nehmen. Es geht nicht um die Emotionen der Menschen in der Technikwelt. Es geht um die Menschen, ob mit oder ohne Technik.

    Soft Skills 2.0 – Wenn zuhören nicht reicht…
    Bessere Erfolge erzielen wir nicht mit besserem Zuhören sondern mit menschlicher Hinwendung.

    http://www.digitalpublic.de/soft-skills-20-wenn-zuhoren-nicht-reicht

    Change or Die – Was machen die anderen?

    Bleib mobil, im Geist, im Job und im Leben. Change or Die. Ein Wegweiser für das Geschäftsleben im 3. Jahrtausend
    http://www.digitalpublic.de/change-or-die-was-machen-die-anderen

    Vielleicht passt das auch zu Eurer Initiative…

    Ciao

    Jörg

  5. Karen says

    Dein Post passt prima zu einem positiven Twitter-Erlebnis, das ich heute hatte: Zwei meiner Vorgesetzen haben sich bei Twitter angemeldet!

    Es hat also was bewirkt, dass wir Junioren uns in jeder Mittagspause über Social Communities, Blogs, YouTube Videos etc unterhalten und uns über Trends im Netz, neue Kommunikationskanäle und schnelle Informationsquellen austauschen. Am Anfang vielleicht noch (innerliches) Kopfschütteln beim Management, dann das erste Profil bei Facebook – und ab heute Twitter! Wenn meine Chefin ein eigenes Blog aufsetzt, lasse ich eine Runde Schampus springen…

  6. Sachar says

    Ich stimme Dir grundsätzlich zu und verfolge die gleiche Mission. Bisher habe ich etwa zehn Leute zu twitter gebracht – nicht viel. Aber zu sehen, wie sie mittlerweile selbst leidenschaftlich in 140 Zeichen kommunizieren, gibt mir ein gutes Gefühl.

    In einem Punkt aber stimme ich Dir nicht zu. Du schreibst.

    Kommunikations- und Marketingmanager aller Branchen müssen ein emotionales Verständnis für die Medien- und Technikwelt ihrer Kunden entwickeln, um sie künftig überhaupt noch zu erreichen.

    Aber eigentlich müsste es meiner Meinung nach wie folgt heißen.

    Kommunikations- und Marketingmanager aller Branchen müssen ein emotionales Verständnis für ihre Kunden entwickeln, um sie künftig überhaupt noch zu erreichen.

    Es geht nicht – und dessen müssen wir uns endlich mal bewusst werden – um Technik. Das sind Tools. Es geht um das Grundbedürfnis von Menschen: Kommunikation und Geselligkeit. Ob das nun per twitter oder facebook passiert, ist egal. Die oberen Managementriegen müssen akzeptieren, dass Menschen nun die Möglichkeit haben, digital zu kommunizieren und dabei Spuren hinterlassen. Entweder sie akzeptieren, dass hinter ihrem Rücken über sie gesprochen wird, oder sie partizipieren. Sollten sie ihre Kunden weiterhin ignorieren, müssen sie sich aber auch einer möglichen Konsequenz bewusst sein und riskieren, dass sich der Wind dreht und ihre Kunden irgendwann sie ignorieren werden.

  7. Tapio says

    @Sachar: Ein sehr guter Einwand, bzw. Ergänzung, denn so anders ist deine Sicht ja nicht. Ausgangspunkt des Posts ist ja die Feststellung, dass viele Menschen erstmal von den neuen Tools überfordert sind und ihre Auswirkungen nicht überblicken. Da fällt es leicht, sie als Modeerscheinung oder Spielerei abzutun.

    Diese Leute heranzuführen, erklärend, zeigend und hoffentlich begeisternd ist m.E. eine Voraussetzung dafür, dass man im Anschluss ganzheitlicher über Kunden sprechen kann. Wer die technisch-mediale Seite der Diskussion nur aus der Theorie kennt, wird auch über seinen Kunden nur theoretisch sprechen können.

Continuing the Discussion

  1. massenpublikum» Blogarchiv » Share Infomation! hat zu diesem Artikel verlinkt. on 28. Februar 2009

    [...] – und insbesondere Entscheidungsträger – für moderne Kommunikation zu begeistern. Folgt seinem Aufruf und werdet [...]

  2. 50hz - Werkstatt für Netzkommunikation hat zu diesem Artikel verlinkt. on 28. Februar 2009

    Was machst Du? Feuer entfachen!…

    “Was machst Du eigentlich mit deiner Werkstatt für Netzkommunikation?” Das fragen mich Familie, Freunde und (potentielle) Kunden natürlich oft.
    Die Antwort darauf ist nicht leicht. Zum einen weil ich viele verschiedene Aufgaben …..