Gedanken zum “Guten Morgen” bei Twitter
Menschen | Begrüßung, Höflichkeit, microblogging, netiquette, Rauschen, Twitter
Vergangene Woche beim Twestival wurde ich vom 3Sat-Redakteur, der einen Bericht über das Event bei uns in Frankfurt drehte, gefragt, ob bei Twitter denn nicht furchtbar viel Irrelevantes in die Welt hinausposaunt würde. Meine Antwort sinngemäß:
“Relevanz entsteht aus dem individuell zusammengestellten Netzwerk. Es gibt keinen objektiven Maßstab für Relevanz, sondern sie entsteht für jeden persönlich aus dem Tweet-Fluss, den man sich nach ganz subjektiven Kriterien zusammenstellt.”
Oder anders ausgedrückt: Mann muss Leuten ja nicht folgen, wenn man ihre Tweets für unwichtig/unsinnig/belanglos/etc. hält.
Heute morgen nun, las ich einen Tweet, der mich einen Moment aufhorchen ließ. Torsten Herrmann schrieb:
Bis vor einer Weile hatte ich meinen Twitter-Tag genau mit dieser Zeile begonnen (heute schreibe ich der Knappheit wegen eher “Moinallerseits!”) und viele Twitterer, denen ich folge, haben ihre eigenen Begrüßungsformeln. Ich empfinde es als ein kleines Ritual, die Morgengrüße der Gefolgten zu lesen. Da Twitter bei mir die meiste Zeit des Tages nebenher mitläuft, ist es eine Art Vergewisserung, dass für mich persönlich wichtigen Mit-Twitterer da sind und dass das lose Netzwerk für den Tag wieder steht.
Klar, man könnte die Morgentweets auch als überflüssiges Rauschen begreifen. Schließlich liegt die Würze in der Kürze und so weiter. Aber warum sollte man? Wenn wir das Netz als nicht nur als Informations-, sondern eben auch als Kommunikationsmedium begreifen, das Beziehungen knüpfen und sichern hilft, sind kleine Rituale nicht nur unvermeidbar, sondern notwendig. Das “Guten Morgen Twitterland!” oder @PickiHH‘s legendäres “Good Morning Tweethearts, you Princes of Twitter, you Kings of the Web!!!” erfüllen eine soziale Funktion. Sie haben für angesichts der “weak ties” des Sozialen Netzes einen affirmativen Charakter. Der andere ist noch da, ich kann mich seiner Präsenz sicher sein, auch wenn sie rein twittervermittelt ist.
Ist das unbescheiden, wie Torsten meint? Im Gegenteil, es zeugt von Höflichkeit und Offenheit den anderen Netzteilnehmern gegenüber. “Passt (es) nicht zu professioneller Kommunikation”? Aber sicher! Schließlich begrüßen auch professionelle Kommunikatoren ihre Gesprächspartner mit einem “Guten Morgen!” Und wenn man morgens ins Büro kommt, tut man das hoffentlich auch.
Aber wie eingangs gesagt, Relevanz entsteht beim Microblogging sehr subjektiv aus einem individuell zusammengestellten Netzwerk an Menschen. Sogesehen kann ich keinem böse sein, der mich “entfolgt”, wenn er/sie ein “Moinallerseits!” als unbescheiden oder unnötig empfindet.
Was meint ihr dazu? Sind Begrüßungs- und Verabschiedungsfloskeln in Microblogs des Rauschens zuviel? Ist es wirklich zu egozentrisch, ein “Guten Morgen” an die Follower zu schicken?
(Update: In der ersten Fassung hatte ich Torsten ein “h” untergejubelt. Das ist jetzt korrigiert.)

