27Feb

Lasst uns Brandstifter werden! Ein Plädoyer für ein emotionales Verständnis des Social Web

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Seit ein paar Monaten vergeht kein Tag, an dem meine Mit-Twitterer oder ich nicht gefragt werden, was Twitter ist. Regelmäßig verfallen wir dann in ein mehr oder weniger schlüssiges Stammeln über 140 Zeichen und Follower und Gefollowte und warum das alles spannend ist.

Die eine knackige Definition, die einem Neuling sagt, was Twitter (in der Praxis) ist und warum es diese enorme Dynamik entfaltet, scheint es nicht zu geben. Die Unterhaltung endet dann oft mit dem Satz: “Ist halt schwierig in Worte zu fassen. Am besten probierst du’s mal selbst aus.”

Das gilt genauso für andere Plattformen im “Sozialen Netz”. Man mag es als Intensivnutzer ja kaum glauben, aber es gibt da draußen immernoch eine Menge Menschen, die nicht wissen, was ein Social Network ist, was in einem Online-Forum passiert, und wie ein Wiki bedient wird.

Wir sollten über diese Leute nicht lachen, auch nicht im Verborgenen, sondern es als Aufgabe annehmen, für Klarheit und Wissen zu sorgen. Denn der Medienwandel passiert. Und wer nicht mitkommt, kommt unter die Räder. So wie die Musikindustrie- und jetzt die “Journalismusindustrie”, wie sie der Musikmanager und Online-Unternehmer Tim Renner bei CARTA nennt.

Das dort formulierte “Renner’sche Gesetz” ist sein Weckruf für jede Branche, die der Digitalisierung ins Auge sieht:

“Der Wechsel vom analogen zum digitalen Medienträger bringt immer auch einen Wechsel des Geschäftsmodells mit sich.”

Eine weitere These Renners hat dazu noch großen Bezug zur Frage was Twitter eigentlich ist und ausmacht. Er sagt (Paraphrase von CARTA):

“Die Manager der Medienindustrien erfassen den Medienwandel vor allem auch deshalb nicht emotional, weil sie nicht in der Technikwelt der Nutzer ihrer Inhalte leben. Genau um solch ein emotionales Verständnis geht es aber.”

Ich würde das sogar verallgemeinern und sagen:

Kommunikations- und Marketingmanager aller Branchen müssen ein emotionales Verständnis für die Medien- und Technikwelt ihrer Kunden entwickeln, um sie künftig überhaupt noch zu erreichen. In letzter Konsequenz gilt das auch für Geschäftsführer und Vorstände.

Oder an einem fiktiven, aber nicht ganz unrealistischen Beispiel erklärt: Würdet ihr einem Vorstand eines Konsumgüterherstellers, der sich E-Mails von der Sekretärin ausdrucken lässt und die Antwort per Diktat auf den Weg schickt, abnehmen, dass er am Puls der Zeit ist? Eben!

Alles Erklären, die Theorie des Social Web, die überall in Fachblogs sprießenden “10 Regeln zum erfolgreichen Umgang mit Twitter”, all das ist sicher in der derzeitigen Explorationsphase der zweinulligen Kommunikation normal und vielleicht auch nützlich. Doch am Ende zählt die ganz praktische Durchdringung, die persönliche und emotionale Erfahrung des Neuen. Die Theorie bleibt grau und neblig.

Beispiele? Bitteschön: Wer noch nie das kleine High erlebt hat, wenn der erste Kommentar auf einem neu aufgesetzten Blog eingeht; wer sich noch nie über einen Re-Tweet einer frischen Linkempfehlung gefreut hat; wer noch nie “live” dabei war, wie die Nachricht eines Flugzeugabsturzes, wie am Mittwoch in Amsterdam, in Sekunden um die Welt geht; wer all diese Dinge nicht aus eigener Anschauung nicht nur gesehen und gelesen, sondern auch gefühlt hat, dem fehlt eine ganz entscheidende Voraussetzung für das Verständnis des Medienwandels. Denn das “Social” im Social Web ist sehr stark emotional geprägt.

Ohne dieses Verständnis wird es aber nicht gehen. Nicht mehr lange. Also lasst uns die Schüchternen, die Ängstlichen, die Ignoranten und die Faulen vor die Bildschirme zerren und ihnen zeigen, was sie verpassen. Und wenn die Glut der Faszination zu glimmen beginnt, geben wir Reisige hinzu und kleine Scheite, bis das Feuer der Begeisterung lodert und unsere Schützlinge selbst hinausgehen und Fragen über Twitter beantworten müssen.

Nennt mich ruhig Brandstifter. Es macht einen Riesenspaß!

26Feb

Media Momentum Award: Jetzt schnell bewerben!

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Online-Werbevermarkter, Technologieanbieter im Bereich “Digital Marketing”, Interactive-Agenturen und Mobile Marketing-Firmen haben noch bis zum 9. März Zeit, sich für die “Media Momentum 2009 Awards” zu bewerben.

Die Londoner Investmentbank GP Bullhound richtet den Wettbewerb der schnellstwachsenden “Digital”-Unternehmen bereits zum fünften Mal aus. Dieses Jahr sind erstmals Bewerbungen aus ganz Europa zugelassen. Teilnahmebedingung ist ein Mindestumsatz von € 1,5 Millionen im Jahr 2008. Die Top 50-Liste beinhaltet diejenigen Unternehmen, die zwischen diesen beiden Finanzjahren das stärkste Wachstum vorweisen konnten.

mediamomentum_2009_redNeben dem Top 50-Ranking gibt es von der Jury vergebene Sonderpreise zum Beispiel für das beste Management-Team oder das vielversprechendste Geschäftsmodell. Die Preisverleihung am 13. Mai ist eine ziemlich exklusive Angelegenheit und finde im schicken “Sketch” in London statt.

Die Bewerbung ist kostenfrei online möglich.

(Disclosure: Media Momentum/GP Bullhound ist ein Projektkunde von mir)

24Feb

Spam bleibt Spam, auch wenn er von der Tecadress AG kommt

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Adressenhändler für E-Mail und Direktmarketing beackern ja ein sehr grauzoniges Geschäftsfeld. Sie sammeln Adressdaten von Millionen von Menschen und verkaufen sie weiter – fein segmentiert nach Zielgruppen. Wobei man sich gern fragen darf, woher sie so genau wissen, dass Herr Müller-Lüdenscheid aus Wanne-Eickel €3.800 brutto verdient und mit seinem alten Passat bevorzugt in die Bretagne in den Urlaub fährt.

Jetzt schickt sich der Schweizer Mailadressen-Händler Tecadress AG an, sein Geschäft wahllos auf deutschen Blogs kommentierend anzukurbeln (Eine Google-Suche zeigt, wie wahllos).

Auch bei mir versuchte ein “Markusmeiers” sein Selbstlob loszuwerden. Der Spamfilter hat’s rausgefischt. Jetzt könnte man sagen: “Egal, ist doch Spam und der Filter hat’s erwischt”. Aber das hieße auch, die Geschäftspraktiken eines Unternehmens gutzuheißen, dass stolz namhafte “Referenzen” aus der deutschen Wirtschaft auf seiner Website nennt. Da sind Audi, Grohe, Steigenberger, Nürnberg Messe, TÜV Süd, und die Hamburger PR-Agentur Faktor 3 dabei, nur um einige zu nennen.

Welches Licht wirft die Spamaktion auf die Unternehmen, die bei Tecadress E-Mail-Adressen für Marketingzwecke eingekauft haben?

Nicht dass wir uns falsch verstehen, E-Mail-Marketing hat seine Berechtigung und gut gemacht ist es für so manchen Marketing-Mix unverzichtbar. Aber schlecht gemacht ist es eben auch ganz schnell beim Spam. Und ein Unternehmen, das aktiv und klar identifizierbar so gegen jeglichen Anstand im Netz verstößt überträgt diesen Makel auch ruck zuck auf seine Kunden. Und wenn es nur durch ein gedachtes “Jaja, wer weiß, wen die mit den Adressen von Tecadress zugespamt haben…” ist.

Hätte ich Tecadress-Adressen gekauft, würde ich mein Firmenlogo von der Seite löschen lassen, mir die Nennung als Referenz verbitten und mit den Schweizer Spammern nie mehr Geschäfte machen.

PS: Einen Link zur Website bekommt Tecadress hier natürlich nicht.

20Feb

Ein Journalist schlägt zurück: PR-Pitches nur über Twitter

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Vor über einen halben Jahr bloggte ich über ein Szenario (damals noch auf Englisch): “Was wäre, wenn PRler komplett auf Pressemitteilungen verzichten würden?” Abwegig? Mitnichten! Schließlich gibt es genug andere Wege Informationen zu verbreiten. Und die Akzeptanz von online-freundlich aufbereiteten Inhalten wächst zusehends. Eben fand ich über meinen ehemaligen Kollegen Drew Benvie (bei Twitter) eine Story beim britischen Medienblog “Press Gazette“, die aufhorchen lässt. Dan Martin, Redakteur bei BusinessZone, beschloss gestern, der Flut an ungerichteten Pressemitteilungen etwas entgegenzusetzen. Kommenden Montag und Dienstag wird er ausschließlich Kurz-Pitches über Twitter akzeptieren.

Irrelevante Pressemitteilungen raus – Themenvorschläge per Twitter rein

Dan Martins Überlegung zum Twitpitch

Dan lobt kurzerhand einen “PR Pitch by Twitter Challenge” aus und sagt auch warum:

“The journalist/PR relationship is a strange one. I admit I’m prone to the odd rant following a call from someone pitching me a story which is completely irrelevant to the subjects I write about or far too advertorial to warrant coverage but unfortunately given my job, listening to the occassional pitch which I can do nothing with is a necessary evil.But PRs, it’s time for a change.”

Gesagt getan: Zweit Tage lang will Dan Martin nur Themenvorschläge von PR-Leuten haben, die ihm per Twitter zugestellt werden. Die Regeln sind knallhart:

“That means you have just 140 characters to grab my attention so it had better be good. I will only deal with single tweets so no pitches which expand into multiple updates will be considered.”

Klare Ansage. Nun ist das Konzept des “Twitpitch” oder noch kürzer “Twitch” nicht neu. Web-Guru Stowe Boyd – eher Opfer langweiliger Startup-Präsentationen – hat die Würze durch Kürze schon vor längerer Zeit zur Regel erhoben. Dass jetzt ein Journalist zumindest mal zwei Tage lang den Versuch wagt, spricht Bände über den Leidensdruck von Redakteuren, die hunderte unpassend adressierte oder schlicht langweilige Pressemitteilungen erhalten.

Das Beispiel zeigt, dass sich PR-Profis nicht nur theoretisch mit den neuen Techniken wie Twitter auseinandersetzen müssen, sondern dass sie über kurz oder lang ganz handfeste Konsequenzen für den Alltag als “Medienarbeiter” haben werden. Dass Twitpitching durchaus auch in Deutschland funktionieren kann, habe ich vergangenes Jahr beschrieben.

Ist Deutschland reif für den Twitter-Pitch?

Wie seht ihr das, liebe PR-Kollegen und liebe Redakteure? Ist der Kurz-Pitch per Twitter für euch eine echte Alternative? Ist es realistisch, über Twitter eine Exklusivgeschichte zu bekommen, wie Dan hofft? Welche Redaktion lobt als erste in Deutschland den Twitpitch-Tag aus?

PS: Die Aktion bringt BusinessZone immerhin neue Leser, soviel ist sicher. Deshalb war das Experiment auch – Achtung Ironie! – eine Pressemitteilung wert.

20Feb

(not so) Fun Freitag – Heute: Credit Crisis Visualized

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Wenn selbst der erklärbärigste Text in der Tageszeitung nicht mehr erklären hilft und Übersichtsgrafiken auch nicht mehr so recht den Überblick verschaffen, schlägt die Stunde der Animation im Web. Und was wäre unübersichtlicher als die Kreditkrise, ausgehend von den berüchtigten “Sub Prime Mortgages” – also den Hochrisiko-Hypotheken aus dem US-Wohnungsmarkt?

Jonathan Jarvis, Designstudent am Art Center College of Design in Pasadena, Kalifornien, hat sich des Themas angenommen und einen knapp 12-minütigen Erklärfilm geschaffen, der einen wieder ins rechte Bild rückt. Lustig ist die ganze Sache nicht, aber gut gemacht. Versucht das mal in Print!

The Crisis of Credit Visualized from Jonathan Jarvis on Vimeo.

(gefunden bei Björn Ognibeni)