Ein Hobel macht noch keinen Zimmermann

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Dass die weltweit erste Microblogging Conference in Hamburg stattfand, ist toll und dem Initiator Cem Basman gebührt der Dank für zwei schöne Tage in entspannter Atmosphäre unter netten Leuten und bei leckerem Catering (was nicht selbstverständlich ist bei einem Ticketpreis von 38€!). Vielleicht ist es aber auch logisch, dass die MBC in Deutschland ihren Anfang nahm. Denn wenn es hierzulande um neue Technologien geht, steht sofort eine sehr engagierte Gemeinde von Geeks auf der Matte, die sich stundenlang über die verschiedensten Tools unterhalten will.

So auch auf der MBC. Klar, die Sponsoren sollten zu ihrem Recht kommen und Redezeit erhalten. In Hamburg waren das vor allem Anbieter von Werkzeugen für das Mikrobloggen: Desktop-Client-Macher Twhirl, Google-Handy-Applikationsmacher Twidroid, die Corporate Microblogging-Lösung Communote und andere.

Auch die besten Tools machen aus einem Zwitscherer noch keinen erfolgreichen Microblogger

Es ist aber symptomatisch für solche Konstellationen, dass dann vor allem eins getan wird – zeigen was man kann. Da wird über Features gesprochen, Knöpfchen erklärt, APIs und ihre Vor- und Nachteile diskutiert, und wieder eine neue Funktion vorgestellt und soweiter. Für Spielkinder wie mich, die ohnehin schon die allermeisten Dinge zumindest mal kurz ausprobiert haben und dann bei einer kleinen Auswahl von Tools bleiben, ist das unerquicklich. Außerdem verschenkt es die größte Chance, die eine solche Konferenz hat, nämlich sich vom Werkzeug zu lösen und den Blick zu weiten auf die Dinge, die man mit den digitalen Hobeln und Meißeln gestalten möchte.

So blitzte nur gelegentlich etwas Vision auf – etwa als die Journalistentwitterer von taz-online (Jan-Michael Ihl), derWesten (Katrin Scheib) und Welt Kompakt (Frank Schmiechen) im Panel bereitwillig Auskunft gaben was sie beim microbloggen bewegt, warum sie es tun und weshalb sich mehr Redaktionen dem Instrument öffnen sollten. (Hier kommt noch ein Link zum Video hin, sobald es da ist.)

Auch das Panel zur Zukunft des Microblogging mit Evan Prodromou, Macher der Open Source Plattform laconi.ca und der Fertiglösung identi.ca sowie Nico “Herr Direktor” Lumma und Marco Kaiser von Seesmic brachte zumindest die Erkenntnis, dass man gut beraten ist, eine alternative, offene Technologie zu unterstützen und sich nicht – wie im Falle von Twitter – einem geschlossenen System ohne klares Geschäftsmodell mit Haut, Haaren und allen Kontakten zu verschreiben. Mit dem Risiko des Scheiterns, wenn das Geld schneller alle ist als die Monetarisierung es ausgleichen kann. (Dazu ein Plädoyer von Evan beim Café Digital.)

Wunsch für Köln – Schnitzanleitungen!

Um die Sache abzukürzen: Ich fand die Idee der MBC klasse, die Rahmenbedingungen weitgehend gut (akustisch etwas anstrengend), das inhaltliche Konzept sollte aber bei der für September in Köln geplanten zweiten Auflage deutlich breiter fächern.

Mehr Anwendung, weniger Tools. Mehr warum und zu welchem Zweck microbloggen, als womit. Der von Bastian Scherbeck vorgestellte – noch sehr frische – Anwendungsfall “eBay Deutschland bei Twitter” war ein erster Schritt in die Richtung. Allein die vielen Fragen während der kurzen Session, die vor allem um die inhaltlich-redaktionellen Fragen und das Warum? des Twittereinsatzes kreisten, zeigten für mich, dass hier die wahre Spannung liegt.

Wenn es also diesmal vor allem um die Hobel ging, wünsche ich mir für’s nächste Mal eine MBC zum Thema “Was wollen wir schnitzen, und wie stellen wir’s an?”. Gerade für diese Fragestellung sollten sich doch auch Sponsoren und Referenten jenseits der Werkzeugmacher finden lassen.

PS: Übrigens, der Nachhall der MBC im Netz war so stark, dass leWeb-Zampano und Mitsponsor Loic Le Meur Cem einlud, für die diesjährige leWeb eine eigene MBC in Paris zu organisieren. Glückwunsch, Cem!