Ich durfte auf Einladung von Timo Lommatzsch und der DPRG Junioren Niedersachsen heute abend bei der FH Hannover mit anderen PR-Profis aus Unternehmen und Agenturen eine Paneldiskussion mitgestalten. Das Thema: “Perspektive PR: Vom richtigen Einstieg bis zur Praxis im Job“.
Die Mitdiskutanten waren sich vernehmbar einig darüber, dass der PR-Beruf viel persönlichen Einsatz, Leidenschaft und Begeisterung erfordert, will man ihn gut machen. Nach dem “Brennen in den Augen” der Bewerber suchen alle Panelisten, ob aus Unternehmen oder Kommunkationsberatungen. Meine These (basierend auf meiner Recruitingerfahrung) war:
Die eine Hälfte der Bewerber um eine Einstiegsposition in einer Agentur hat keine Ahnung, was sie in der Praxis erwartet – und zwar trotz Praktika. Die andere Hälfte weiß vielleicht was kommen wird, meint aber, sie hätte mit der Einladung zum Bewerbungsgespräch den Job schon so gut wie in der Tasche und nimmt es mit einer lässig-lockeren Arroganz als notwendig hin. Beides ist eher suboptimal.
Leider konnte ich aufgrund des langen Heimwegs nach Frankfurt nicht die ganze Frage/Antwort-Runde im Anschluss an das moderierte Panel verfolgen, aber was dort anklang, war die fast bange vorgetragene Frage: “Soll ich nach meinem Bachelor im Sommer lieber noch nen Master dranhängen, oder besser gleich eine Traineestelle/Volontariat anstreben.”
Ich weiß zu wenig um die Feinheiten oder Unterschiede zwischen B.A. und M.A. nach dem neuen Studiensystem, als dass ich das fachlich beantworten könnte. Ich neige aber zur Antwort: “Mir doch egal.” Und zwar aus folgendem Grund:
Für einen Einsteiger in die PR ist ein Studienabschluss heute meines Erachtens Pflicht, da er ein Mindestmaß an Durchhaltevermögen und Fähigkeit zum strukturierten Lernen und zur Analyse nachweist. Das war’s aber auch schon. B.A. oder Master ist da eher zweitrangig. Denn die PR-Praxis ist wie so oft nur 10% Inspiration, aber mindestens 30% Erfahrung und Know-how, aber ganz sicher zum überwiegenden Teil Transpiration, nämlich harte Arbeit mit einem Handwerk, das man im Studium nicht lernt. Auch nicht im expliziten PR-Studium.
Viel wichtiger als das formelle Können der Absolventen, das sie auf einem Zeugnis vorzeigen können, ist für mich das Wollen. Der im Bewerbungsprozess glaubhaft gemachte Wille, diesen Beruf zu erlernen und daran nachhaltig zu arbeiten. Ich erwarte von einem Bewerber deshalb ein gutes Maß an Klarheit darüber, was er sich vom PR-Beruf erhofft und was er einzubringen bereit ist. Und wenn er dann noch belegen kann, dass er für den Wandel unseres Handwerks gut gerüstet ist, weil er das Thema Internet nicht nur theoretisch sondern auch praktisch durchdrungen hat, ist er oder sie ein interessanter Kandidat.
Zum Stichwort Können noch ein interessanter Link (via Markus). Adam Singer skizziert hier zehn Fertigkeiten, die ein künftiger PR-Profi beherrschen sollte. Insbesondere bei den Punkten 4) “Understanding of what defines successful content” und 5) “Proven ability to build a successul blog” bin ich ganz bei ihm. Die anderen Skills sind eher technischer Natur und ich würde sie nicht so absolut sehen, aber für ein umfassendes Verständnis für die Zusammenhänge und Wirkungsweisen des Social Web sind auch sie nicht zu vernachlässigen.
PS: Wenn du PR-/Journalismus-Studierender der FH Hannover (oder einer anderen Hochschule) bist, freue ich mich über dein Interesse und wäre noch viel erfreuter, wenn du eventuelle Anschlussfragen an die Podiumsdiskussion hier stellen würdest. Ich bin so neugierig, was dich bewegt!


Tapio, darf ich noch etwas Wichtiges ergänzen: Ich muss mit Menschen reden möchten. Und das ist leider nicht mehr so selbstverständlich. In allen anderen Dingen und Bedingungen, die Du beschrieben hast, pflichte ich Dir gern bei. Leider fehlen oft die die einfachsten “basics”.
Hallo Herr Liller,
erstmal vielen Dank für die zumeist doch sehr klaren und offenen Worte heute. Ich denke, dass gerade bei Ihrem Beitrag zur Ablehnung von Traineeships, die mit 1200 Euro vergütet werden, der Großteil der Anwesenden bei Ihnen war. Gerade etwas ältere Studenten/Quereinsteiger wollen schließlich zurück bzw. endlich in die Arbeitswelt gelangen und auf eigenen Beinen stehen, was bei diesem Betrag kaum möglich ist. Vor allem nicht in den teuren Agentur-Städten München und Hamburg.
Insgesamt hätte ich mir in der Fragerunde vom Podium detaillierte Informationen/Einsatzbereitschaft/Konzeptideen zur Mitarbeiterbindung erhofft. Als Kunde genauso wie als Mitarbeiter einer PR-Agentur würde ich erwarten, dass man CSR oder sogar Nachhaltigkeits-Strategien (von denen die Vereinbarkeit von Familie und Beruf nur ein Teil sein kann) zur Steigerung des Images, besseren Positionierung am Fachkräftemarkt usw. nicht nur in seinen Beratungsleistungen konzipiert und verkauft. Diese sollten auch selbst gelebt werden. Erst dann werden die Fallstricke und komplexen Zusammenhänge nachhaltigen Wirtschaftens wirklich deutlich: Angesichts der Finanz-/Wirtschafts-/Vertrauenskrise könnte dies ein fruchtbares und einträgliches Feld für PR-Agenturen, -Abteilungen und -Professionals werden.
@Alex: Erfahrungsgemäß wird auf solchen Podien, obwohl sie im kleinen Rahmen stattfinden gern um den heißen Brei geredet, spätestens wenn’s ums Geld geht. Aber ich finde in der PR wie in jeder anderen Branche, haben Berufseinsteiger ein gutes Recht zu wissen, was sie für ihren Einsatz bekommen. Dafür ist die PR-Branche, wie gestern und hier im Post beschrieben zu anspruchsvoll, als dass sie sich eine ähnliche Überheblichkeit wie die Spitzen-Werbeagenturen leisten könnte.
Was die Konzepte zur Mitarbeiterbindung betrifft, so lässt sich das auf so einem Podium nur begrenzt erörtern. Jede Agentur hat da ihre eigenen “Benefits”, die einen mehr, die anderen weniger. Dass gerade Agenturen künftig mehr für sich als “Arbeitgebermarke” werden tun müssen, ist auch meine Einschätzung. Denn wirkliche Talente für die Einstiegspositionen und echte Spitzenkräfte später für Führungspositionen gibt es leider zu wenige.
Ein Beispiel für m.E. gutes und erfolgreiches Employer Branding ist mein alter Arbeitgeber Hotwire, der die Aspekte individueller Karrierepfad, Investition in Trainings, Nachhaltigkeit und seit neuestem auch CSR auf lokaler Ebene konsequent lebt.
Vorab: Ich war einer derjenigen, die auf dem Podium sassen. Ich fand es sehr spannend und das Panel auch recht auskunftswillig. Dem Plenum ging es für mein Gefühl sehr stark um den Beruf und kaum um die Berufung, sprich: inhaltliche Fragen zum PR-Beruf kamen nicht. Ist da tatsächlich alles klar?
Was die Vergütung von Volontariaten angeht, würde ich die Kirche mal im Dorf lassen. Ein Volontär bei Zeitschriften und Zeitungen bekommt zwischen 1300 und 1500 Euro. Mehr kann auch eine kleine Agentur wie wir nicht zahlen und von anderen weiß ich ähnliches. Man muss auch erfahrungsgemäß noch eine Menge Zeit in einen Volontär reinstecken.
Das Thema Mitarbeiterbindung ist tatsächlich so komplex und individuell, dass es schwer ist dazu etwas Verbindliches zu sagen. Ausnahme sind hier große Unternehmen, die solche Dinge im CSR-Konzept festgelegt haben.