Jenseits von QWERTZ & Maus
Werkzeuge, Zeugs | Benutzererfahrung, daten, interface, kognition, maus, minority report, multitouch, QWERTZ, surface, tastatur, touchscreen, UI, user experience, visualisierung
So sehr wir uns auch an unsere Tastatur und Maus als Eingabegeräte gewöhnt haben, so anachronistisch erscheinen sie doch bei genauerem Hinsehen. Heute reifen Technologien, die unsere Art mit Daten umzugehen grundlegend verändern werden. Was im Film Minority Report vor sechs Jahren noch Fiktion und Trick war, wird heute schon Wirklichkeit, wie dieser Film sehr beeindruckend zeigt.
g-speak overview 1828121108 from john underkoffler on Vimeo. (via Jan)
Das QWERTZ- oder QWERTY-Layout heutiger Computertastaturen geht zurück auf die Schreibmaschinen und war schlicht eine mechanische Notwendigkeit, damit sich die verschiedenen Lettern beim Schlag auf Farbband und Papier nicht in die Quere kamen. Heute produzieren und manipulieren wir immernoch die allermeisten Daten mit Hilfe eines überkommenen Werkzeugs. Sehnenscheidenentzündungen inklusive.
Neben dem ergonomischen Problem gibt es noch ein kognitives. Das menschliche Hirn ist zum Beispiel für das Lernen aus Texten gar nicht so gut geeignet. Sie sind lineare Zeichenfolgen mit einer Bedeutung, die sich erst durch einen sehr komplexen Prozess im Gehirn erschließt. Der Hyperlink im Web erlaubt zwar den schnellen Sprung von einem zum nächsten Dokument, doch auch hier bleibt der Vorgang linear. Das Warum der Verbindung ist ebenfalls nicht im Hyperlink selbst enthalten. Und während wir mit den Augen den Text erfassen und mit dem Gehirn die Bedeutung erarbeiten müssen wir mit sehr indirekt wirkenden Aktoren (Tastatur und Maus) hindurchnavigieren. Sehr umständlich ist das.
Wie das Videobeispiel oben zeigt, geht es auch anders. Die Technik erlaubt es uns heute, die dritte Dimension hinzuzunehmen und die Datenmanipulation durch Gestensteuerung unmittelbarer zu machen. Da mit Hilfe solcher Techniken auch Verbindungen zwischen Dingen im Raum darstellbar werden, kommt eine zusätzliche kognitive Ebene hinzu, die Bedeutung und Zusammenhänge sehr viel schneller transportiert als Text. Außerdem bewegt man sich viel mehr, was ebenfalls verständnis- und lernfördernd wirken kann, weil auch motorische Nervenimpulse mit abstrakten Informationen verknüpft werden können.
Die Unmittelbarkeit, mit der bei so genannten Multi-Touch-Oberflächen Daten manipuliert werden können, ist mit ein Grund für den Erfolg des iPhone und anderer Touchscreen-Systeme. Wie dieser Channel bei Vimeo zeigt, gibt es eine ganze Reihe experimenteller Interface-Systeme, die die von QWERTZ und Maus lösen und Hände, Oberflächen, grafische Benutzerschnittstellen und Daten samt ihrer Bedeutung schaffenden Verknüpfungen und den Objekten, die uns umgeben, näher zueinander bringen. Ein weiteres Beispiel ist Microsofts “Surface”, ein interaktiver Multitouch-Tisch, der mit den Gadgets die man darauf stellt automatisch in Verbindung tritt und die Daten (z.B. Fotos) sichtbar macht.
Microsoft Surface from benzoid on Vimeo.
Hier liegt meines Erachtens der Schlüssel zum nächsten (r)evolutionären Entwicklungsschritt in der Computertechnik. Neben der Spracherkennung werden Multitouch- und 3D-Manipulationstechniken dem “Überallcomputer” einen enormen Schub verleihen. Die kulturellen Auswirkungen werden wir und nachfolgende Generationen in allen Lebensbereichen zu spüren bekommen: in Beruf, Freizeit, Schule, Kunst, Kino, etc. Das wird von uns allen einen Abschied abverlangen: den vom Zehnfingersystem.