Nicht lustig – Ypsilanti und der falsche Müntefering

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Radio-Telefonscherze sind älter als der Begriff “Comedy”, der heute für alles vermeintlich Lustige benutzt wird. Was Andrea Ypsilanti durch den Scherzanruf des Radiosenders ffn (laut Spiegel Online Teil des Axel Springer Verlags), bei dem sich ein Stimmenimitator als Franz Müntefering ausgab, jetzt widerfährt, ist alles andere als lustig. So vordergründig amüsant die Einlassungen der arglosen Hessen-SPD-Chefin sein mögen, so ernst ist die Tatsache zu beurteilen, dass das Telefonat zumindest in Auszügen an die Web-Öffentlichkeit gelangte. Hier wurde nichts weniger getan als das Fernmeldegeheimnis gebrochen und Persönlichkeitsrechte verletzt. Und das ist in Deutschland strafbar. Scherzabsicht hin oder her.

Es steht natürlich dem Reingelegten frei, der Veröffentlichung nachträglich zuzustimmen. Streng genommen darf aber kein Telefonat ohne vorherige Zustimmung des Gesprächspartners aufgezeichnet werden. Jeder Journalist lernt das in der Ausbildung und fragt bei Interviews artig, ob er mitschneiden darf. Natürlich sagt es viel über die Obrigkeitshörigkeit der Vorzimmerdame von Frau Ypsilanti, wenn sie ungeprüft und direkt einen Anruf aus dem vermeintlichen Berliner Büro von Franz Müntefering durchstellt. Es sagt auch einiges über das Verhältnis von Ypsilanti und Müntefering aus, dass sie – Ypsilanti – den Stimmenimitator nicht überführt hat. Dass die hessische FDP daraus gleich politisches Kapital zu schlagen versucht, kann man getrost geschmacklos finden.

Doch viel bezeichnender sind die Umstände, wie die Story überhaupt an die Öffentlichkeit kam und sogar Auszüge der (illegalen) Aufzeichnung bei Youtube und anderen Portalen landeten. Trotz eines expliziten Veröffentlichungsverbots durch das Büro Ypsilanti und  öffentlichen Beteuerungen der ffn-Programmdirektorin, man zeige dafür Verständnis, gab es schließlich ein Leck.

Die harmloseste, wenngleich nicht bessere Erklärweise wäre, dass das Audiostück intern bei ffn herumgeschickt wurde, weil es ja “so peinlich für die Ypsilanti” ist, und dann jemand einfach aus Ahnungslosigkeit die Datei bei Youtube hochlud. In diesem Fall müsste man sich nur fragen, ob bei ffn vielleicht der ein oder andere Mitarbeiter nicht Fehl am Platze ist.

Doch die Verbindung von ffn über Springer zur BILD, die schon nach der knappen Hessen-Wahl gegen die rot-rot-grüne Regierungsoption im Wiesbadener Landtag wetterte, und jetzt den FDP-Fraktionschef mit mutmaßenden Aussagen suggerieren lässt, Ypsilanti habe ja vielleicht mit Müntefering Dinge besprochen, die offiziellen Aussagen widersprächen, lässt anderes vermuten. Die genauere Analyse überlasse ich kompetenteren BILD-Kennern. Bildblog übernehmen Sie!

Tatsache ist, dass hier aus einem Scherz ein Politikum geworden ist, auf das die Hereingelegte keinen Einfluss mehr hat. Denn das Netz ist unerbittlich und es werden zu dieser Stunde sicher reichlich Kopien des Radioschnipsels angefertigt und weiterverbreitet. Eine Indiskretion eines Senders, der sich auch noch darin gefällt, reichlich Medienecho dafür zu bekommen. Auf der “Pressestimmen”-Seite von ffn sammeln sich die Links zu den Berichten. Von mir kriegen sie für soviel Selbstgefälligkeit keinen Link.

Wie gesagt, es ist nicht lustig.