Feedhygiene
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Nein, ich muss nicht alles gelesen haben. Mein Feedreader zeit grob überschlagen vielleicht 70 Feeds. Jetzt gerade 18630 ungelesene Posts. Kann ich das alles lesen? Jetzt über’s Pfingstwochenende vielleicht. Aber will ich das alles lesen? Nö. Müssen schonmal gar nicht.
Bei Robert ging’s gestern heiß her zum Thema “Schweiger”, also Leute, die Blogs zwar lesen, aber nicht kommentieren. Ich bin ja schon froh, wenn ich mit meinem für’s Blogs lesen und gelegentlich mal selbst schreiben verfügbaren Zeitbudget überhaupt dazu komme, mehr als die Überschriften zu scannen. Kommentieren ist mir da ehrlich gesagt oft zu mühsam.
Das Grundproblem der Beschäftigung mit Blogs, gerade wenn man es aus privaten und professionellem Interesse tut, ist, dass man nie das Gefühl hat vollständig informiert zu sein. Immer gibt es jemanden, den man vielleicht doch auch lesen sollte, weil er was interessantes gesagt, oder knackig kommentiert hat. Es gibt auch innerhalb der deutschen Blogosphäre so viele Quervernetzungen, die suggerieren, dass man jeden irgendwie kennen sollte – zumindest sein Blog und seinen Twitter-Feed, um überhaupt einigermaßen Bescheid zu wissen, was läuft. Das geht so nach dem Motto, “liest du Basic Thinking, musst du auch Spreeblick lesen, und liest du die, kommst du an Netzpolitik nicht vorbei und dann auch nicht an Indiskretion Ehrensache”. Und so dreht man sich im Kreis, die Alphanasen bekommentieren und verlinken sich gegenseitig an die Spitze bei Rivva. Und schon ist man im Hintertreffen.
Muss ich bei dem Spiel mitmachen? Will ich auch bei Rivva die Themen setzen oder zumindest unter den ersten 5 Reaktionen auf die Top-Themen dabei sein? Brauche ich das für meinen Traffic, für mein Ego? Nicht wirklich. Und doch zucke ich zusammen, wenn ich tagsüber im Büro meinen Blick über die Feeds schweifen lasse und ein Thema entdecke, das mir persönlich am Herzen liegt. Nur genau dann habe ich in 98% der Fälle keine Zeit, um zu kommentieren oder selbst zu schreiben. Mist. Also vertage ich das auf abends, aber da habe ich dann noch Sozialkontakte im echten Leben und der Post wird auf morgen verschoben und auf übermorgen und dann nicht geschrieben, weil andere alles schon drüber gesagt haben.
Die Themen, die allein heute durch den Äther gingen, die ich gern kommentiert hätte waren zum Beispiel das Hamburger Gerichtsurteil zur “Verbreiterhaftung” (ganz übler Unsinn), auf das mich Mike sogar per Twitter gestoßen hat, oder auch die brillianten Einsichten von Jeff Jarvis zum Journalismus im Internet-Zeitalter, die uns der Elektrische Reporter näherbringt. Habe ich aber nicht. Meine Feeds sind ja noch nichtmal gelesen.
Dass das so nicht funktionieren kann liegt auf der Hand. Deshalb ist jetzt Feedhygiene angesagt. Die Spannenden ins Töpfchen, die guten ins Kröpfchen, und die langweiligen werden gelöscht. Ein Frühjahrsputz im Reader bringt frische Luft und neue Ideen. Soweit die Theorie. Mal sehen wie die Praxis wird.
Nachtrag am 11.5.: Mir fiel heute ein, dass Mike das Thema “Warum bloggst du das nicht?” vor kurzem auch mal kommentiert hatte. Vielleicht starren wir tatsächlich zu sehr auf das, was sich binnen Stunden durch die vielgelesenen ( und -verlinkten) zum “Thema des Tages” entwickelt und dazu dann mehr oder minder reflektierten Senf abzulassen, statt uns die Zeit zu nehmen, eigene Themen und Thesen zu entwickeln. Lenkt Speedbloggen vom Nachdenken ab?